✉ Briefe

„Im Geiste gebe ich Dir einen herzlichen festen Kuss auf Dein goldiges Mäulchen“ – Brief einer Kollegin an die Andere aus der Weimarer Zeit der 1920er Jahre (Darmstadt)

Stellt euch eine Zeit vor, in der die Städte von Hoffnung und Unsicherheit gleichermaßen geprägt waren – die goldenen Zwanziger. Vielen sind sie als die „goldenen Zwanziger“ bekannt. Aus dieser Zeit stammt der hier vorliegende Brief. Ein spannendes historisches Dokument, dass uns sehr persönliche aber auch gesellschaftliche Einblicke erlaubt.

Schauen wir mal näher rein!

Wie immer erstmal Fotos und Abschriften des Originales:


Darmstadt, den 11. Juli 1921.

Mein liebes Goldchen!

Da sitze ich nun nach sieben schönen Ferienwochen
wieder an meinem alten Plätzle ine Mercke – mit welchen Gefühlen will
ich lieber verschweigen – und kann Dir nicht sagen, wie ich Dich
mein Liebes an diesem ersten so wenig schönen Tage vermisse. Ich möch-
te ja am liebsten wieder durchbrennen nach meinen schönen Bergen, aber
leider heisst es hier geblieben, und ist man wieder eingesperrt den
lieben langen Tag in diesem schrecklichen Käfig, denn so ein Gefühl
überkam mich heute Morgen, als ich den Fuss über die Schwelle setzte.
Nun ich werde mich wohl wieder hineinfinden, hab halt noch nie sieben Woch-
en Ferien gehabt, und da die Arbeit nicht schmecken kann, war
ja vorauszusetzen.
                           Ehe ich von etwas anderem anfange, will ich Dir für
Deinen lieben langen Brief danken, den[n] Dein lieb Mutti Samstag Morgen
mit einem entzückenden Fuchsienstöckchen als Willkommensgruss für mich
brachte. Innigen Dank mein Liebes. Dein lieb Mutti sehe ich erst Frei-
tag, da sie die andern Tage alle besetzt hat. Ich freue mich schon
heute darauf. Und dann mein Liebes danke ich Dir herzlich für Deine
liebe Karte aus der ich ersehe, dass Du Dich recht wohl dort fühlst
und Dein böser Karbunkel sich hoffentlich auf Nimmerwiedersehen em-
pfohlen hat, da Du nichts von denselben erwähnst. Gott sei Dank, dass
die Sache so abgegangen ist. Ich fürchtete schon, da er doch so in der
Nähe des Ohres war, Du könntest vielleicht mit dem Ohr zu tun bekommen,
Was doch so ausserordentlich schmerzhaft und auch oft nicht ganz unge-
fährlich ist. Meine beiden Karten und mein Brief werden Dir ja wohl
gezeigt haben, wie bestürzt ich war als ich von der Sache hörte, und
bin nun wirklich glücklich, dass die Sache wie es scheint gut abgelau-
fen ist. Da hab ich erst wieder so recht gesehen, wie Du mir ans Herz
gewachsen bist. – Und nun mein liebes Goldi nimm meine allerherz-
lichsten Wünsche und Grüsse zu Deinem Geburtstage entgegen. Im Geiste
gebe ich Dir einen herzlichen festen Kuss auf Dein goldiges Mäulchen
und wünsche Dir alles Gute und Schöne wasman einem Menschen, den man
so recht von Herzen lieb hat, nur wünschen kann. Glaubst Du das? Ich
weiss, dass Du davon überzeugt bist, dass es so ist und so feiere
Deinen Geburtstag recht vergnügt zusammen mit Schwester Elsebeth und
sei überzeugt, dass wir in Gedanken an diesem Tage bei Dir sind. Der
Himmel macht ja jetzt ein so freundliches Gesicht und ich glaube, dass
das Wetter jetzt schön bleibt was mich herzlich für Dich freut. Da
kannst Du nach Herzenslust auf dem Bauche liegen, ist doch eine Lieb-
lingsstellung von Dir, nicht wahr und wie ein Fisch im Wasser schwim-
men, und wirst sicher als eine kleine Mulattin heimkommen. Wie freue
ich mich für Dich, dass Du an so einen schönen Plätzchen bist, und wie
freue ich mich, wenn ich Dich nach so langen Wochen wiedersehe. —-

./.


– 2 –

                         Die mir aufgetragenen Besorgungen werde ich gewissenhaft
ausführen. Habe bereits das Couvert, entschuldige, den Briefumschlag aus
Deiner Schublade genommen und als Inhalt, wie Du angegeben, M.30.- fest-
gestellt. Von den andern Damen werde ich die Beträge einsammeln und das
Ganze dann Frl. Kr. übergeben. Auf Deiner Maschine schreibt heute Frl.
Schmähling, doch werdeich dafür sorgen, dass dieselbe bis zu Deiner Rück-
kunft gründlich gereinigt wird.
                      Und nun zum Empfang. Papa Deutsch war sehr nett und empfahl
mir natürlich auch gleich unsere neue Kraft. Ermeinte, die letzten Tage
hätte sich die Arbeit etwas gestaut, da Nr. 5 noch neu, Anfängerin, und
die Minnaleider krank geworden wäre. Ich sagte, ich hätte dies auch zu
meinem grossen Bedauern gehört, Mariehätte Dich mal besucht und hättest
Du viel auszustehen gehabt. Er bemerkte, Frl. Sch. wäre auch mal bei Dir
gewesen. Er frag, ob ich Dich noch gesehen, worauf ich sagte, dass ich
ja Samstag Abend gekommen, und Du wohl jetzt auch fort sein dürftest.
und meinte er noch, dass Du von heute ab in den Urlaub reist. Ich habe das
Gefühl, dass er Dein Unwohlsein auch sehr bedauerte, aber für Dich, da
Du so viel auszuhalten hattest. Also geniesse in vollen Zügen Deine
schönen Tage.
                         Und was soll ich nun sagen zu Frl. Sch. Hübsch ist sie nicht,
10 Jahre älter sieht sie wenigstens aus wie Du, wenn sie auch gleich Dir
31 zählt. Sie scheint sehr bescheiden zu sein, und sehr ängstlich sich
überhaupt noch einzuarbeiten und zu genügen. Papa D. sagte zu mir, dass
man freilich manchmal merke, dass sie keine höhere Schulbildung genossen,
der Vater sei selbst Lehrer, doch gäbe sie sich alle Mühe. Sie ist auch
Bayerin, doch Unterfrankin, und da Aschaffenburg auch zu Unterfranken
gehört und mir meine Schwägerin erst am Samstag wieder sagte, dass sie
die Unterfranken deshalb nicht möge, weil sie nicht aufrichtig seien,
so werde ich mir dies stets vor Augen halten. Ich glaube, dass Papa D.
mit mir gar nicht so recht zufrieden war, wie ich sie begrüßte, fand
es vielleicht etwas kühl, doch ich folgte ganz meinem Herzen, und wie sie
eben ausgefallen ist die Begrüssung, so ist sie ausgefallen. Sie ist recht
zutraulich zu ihm, furchtbar dankbar, dass er so nett gegen sie ist. Sie
hat mir schon angeboten spanisch mit mir zu reden, wenn ich es wünschte,
und macht sich schon Gedanken, wo sie hingesetzt wird, wenn Du kämst. Sie
möchte nicht gern so weit aus unserer Nähe. Herr Deutsch hat mich ihr als
seine „Freundin“ vorgestellt, und sie bemerkte darauf, sie hätte sich auf
mich gefreut. –  Bin selbst gespannt, wie sie sich entwickeln wird, aber
dass sie so mein Geschmack wäre, konnte ich heute nicht behaupten. –
Also sagen wir – qui vivra verra. –
                 Herr Z. hat ein Gesicht, wie ich sie nicht liebe, doch deswe-
gen kann er ein sehr netter Mensch sein, und soll es auch sein, wie mir
Herr Frische sagte. Die Herren waren alle sehr nett. Andrese ist ja auch
wieder da. Dressen ist seit heute für 4 Wochen in Ferien. ** Hecht war zu-
erst mal in der Abteilung und kam er her um mich zu begrüssen. Fand mich
sehr gut aussehend und meinte, sie kommen ja gar nichtmehr, worauf ich
sagte: Na, es waren 3 Wochen mehr, jetzt geht es auch wieder.  –  Erhole
Dich nur auch recht gründlich, kannst nicht noch eine Woche dranhängen?
Jetzt nachdem das vorausgegangen. Nun Du wirst ja sehen wie nun Dich
fühlst, wenn noch eine Woche vorbei. Fühlst Du Dich nicht ganz frisch,
dann lasse Dir nur * noch eine Woche geben, ich gönne Dir alles von Herzen,
und will auch gern für Dich ein wenig mehr schaffen. Also mache es, wie
Du es für gut findest. – Werden wir uns überhaupt noch kennen? 10 Wochen
oder gar 11 Wch., zwei volle Monate. Welch eine Trennung, nicht wahr,
mein Goldi.

* rechtzeitig

** am 31. August geht er nach Süd-Amerika, wie
ich heute erfuhr



– 3 –

                  Herr Eiselt hat Dein Unwohlsein auch sehr bedauert, besonders
als ich ihm sagte, dass Du einen bösen Karbunkel am Backen in der Nähe
des Ohres gehabt hättest. Ich soll, wie es scheint, etwas für ihn schrei-
ben. Bis jetzt hat er mir nur eine Postkarte gegeben, und so benutze
ich denn den Morgen, Dir diese Zeilen zu schreiben, kann mir doch den-
ken, dass Du gespannt bist, welchen Eindruck die Neulinge auf mich mach
ten. Frl. Gewehr ist vergnügt wie immer. Frl. Hüter fand ich ruhiger,
also vielleicht kränkt es auch, dass ihr Herr D. sie weniger beschäftigt.
Frl. Born da ist. Es ist erst 10 ½ Uhr und ich meine ich sitze schon
Stunden da, will froh sein, wenn ich wenigstens den ersten Tag hinter
mir habe.
                Ich habe noch zwei wundervolle Tage in Tegerensee und Umgebung
verlebt., das Wetter war auch annehmbar, wenn auch, wie es scheint, die
wirklich schönen Tage erst im Juli kommen. Wie gönne ich Dir die Sonne,
hattest voriges Jahr so nicht viel.  –  Marie ist natürlich sehr froh,
dass sie mich wieder hat. Wir wollen die schönen Tage hier aber auch
noch benutzen, und abends nach Geschäftsschluss gleich in den Wald
gehen, damit nicht gleich alles wieder eingebüsst wird.
              Und nun mein liebes Goldchen muss ich für heute schliessen.
Eben ruft mich Papa Deutsch für ein paar längere Briefe, wie er sagt,
an Herrn Schäfer in Buenos-Aires und nach Tisch kommt dann der junge
Chef Herr Eiselt. Vor einer halben Stunde hat er sich seinen Schreibtisch
so gestellt, dass er nach der Türe guckt, also freistehend wie Dreessen,
und wie ich eben hörte kommt er demnach  Frl. Nr. 5 dos á dos mit Dir. Na,
dann haben wir sie also hinter uns.

                            Also behüt Dich Hett mein liebes Goldchen, feiere recht
vergnügt Deinen Geburtstag und sei herzlichst gegrüsst undgeküsst von

Deinem alten treuen Putzi

X) Herr Fritsche hat sich bereits mokirt über die Stellung des
Schreibtisches und frug eben Herrn Sander: „Wo ist denn Ihr
junger Chef, der Prokuristenessel ist ja frei“.
–  Eben ist näm-
lich Besuch aus Buenos-Aires gekommen, und ist Eiselt auch abge-
rufen worden, so wird es also nichts mit dem Diktieren, ich habe
nichts dagegen, heute am ersten Tag. Habe eben Papas Leutsch Brie-
fe an Schäfer zu Ende, wird mir ordentlich schwer das Schreiben,
musst euch, bitte, beide Aeuglein  zurdrücken, bei diesem Brief, so
schlecht ist er geschrieben. Aber mein vis-a-vis, das mir noch
ungewohnt stört mich noch, ohne das sie mich etwas frägt, und
links tippt such Herr Zimmermann seine Trattenavise. Will mal sehen
wie wir uns verstehen werden ist eine Tatsache. Will mal sehen,
wie wir uns verstehen werden, die Vorstellung war ziemlich förmlich,
vielleicht Weiberfeind, wenn er mit 46 Jahren noch Junggeselle. –
Ich lasse noch ein wenig Platz, damit Meriele auch noch einen Ge-
burtstagsgruss beifügen kann. Also nochmals einen herzlichen Gruss. D. P.

—-

Liebes Nordmännchen! Es freut mich herzlich, zu hören, daß
du glücklich gelandest u Alles so nach Wunsch angetroffen. Pflege
dich nun auch nur so gut du kannst, hoffentlich läßt sich die
liebe Sonne jetzt auch dort mehr sehen; hier brennt sie seit Freitag
erbarmungslos herunter. Und nun mein Lieb, nur noch die herzlichsten
Geburtstagswünsche – viel, viel Gutes! Mit herzl. Geburtstagsgruß
                                                                                                Lo B. B. Buzer dein
                                                                                                altes Tantemardel


Der Brief ist auf extrem dünnem Papier geschrieben – auf Pergament- oder Transparentpapier, wenn man so will. Es sind 3 Seiten, klein gefaltet (kleiner als nötig gewesen wäre für die Größe des Umschlages) und umfangreich beschrieben, mit einer Schreibmaschine.

Viele haben mit der Maschine geschriebene Briefe in dieser Zeit als unpersönlich angesehen. Ich besitze mehrere Briefe aus der Zeit – plus minus 20 Jahre, in denen das erwähnt wird; in denen sich Menschen entschuldigen, dass „nur“ mit Maschine geschrieben wurde. In diesem Fall war der Beruf der Schreiber*innen (es sind 3 Personen – Geschlechter unklar, da nur Abkürzungen und Kosenamen verwendet wurden) und ebenso der Beruf der Empfängerin das „Maschine-Schreiben“, also Sekretärin, daher stellte wohl ein maschinengeschriebener Brief für die hier Beteiligten kein Problem dar.

Der Umschlag ist sehr schön, besonders der kleine Aufkleber auf der Rückseite. Aber schaut selbst:

Er wurde aus Darmstadt an ein „Fräulein M.* Nordmann“ versandt (*später wird der Name Minna erwähnt), im Juli 1921, also aus der frühen sogenannten Weimarer Republik, wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Deutschland befindet sich in dieser Zeit in einer Phase politischer Unsicherheit, wirtschaftlicher Belastung und gesellschaftlicher Neuorientierung.

Viele Menschen sind noch stark von den Schrecken des Krieges geprägt. Kriegsheimkehrer, also ehemalige Soldaten, waren oft traumatisiert und kamen verändert von der Front oder Kriegsgefangenschaft zurück. Die Menschen versuchten zu verarbeiten, sich wieder zu fangen, ein Leben aufzubauen. Es war eine Zeit der versuchten Stabilisierung, aber auch des Aufbruches, der Frauenbewegung, Wahlrecht und sich behauptende Frauen.

Es gab auch viele Scheidungen. Vielleicht hatten sich diese in der Zeit etwas normalisiert, oder die Frauenbewegung gab den Frauen den Mut sich zu trennen, wenn sie unglücklich waren.

„Die Zahl der Ehescheidungen nahm 1919 sprunghaft zu. Betroffen davon waren überproportional häufig die übereilt geschlossenen Ehen während des Krieges. Aber auch viele Langverheiratete hatten sich durch das hinziehende Getrenntsein emotional voneinander distanziert.“

Herzog, 2014

Auch nicht  zu vernachlässigen sind weitere geschlechterbezogene gesellschaftliche Faktoren, neben der Scheidungsrate. Nach Kriegsende 1918 und der Rückkehr der Frontsoldaten wurde die Mehrzahl der Frauen aus dem öffentlichen Leben wieder zurückgedrängt, auch aus der Arbeitswelt.

Manche hatten allerdings entdeckt, dass sie durch Arbeit eine gewisse Freiheit hatten und das ließen sie sich nicht mehr nehmen. Sie blieben in ihren Berufen, blieben arbeitstätig und damit auch ökonomisch unabhängig von Männern. Ein neues Frauenbild war auf dem Vormarsch. Dazu später hier im Blogbeitrag mehr!


Abgesehen davon, was können wir noch zur historischen Einordnung sagen?

Der Erste Weltkrieg ist zur Zeit des Briefes erst 3 Jahre vorbei. Viele Staaten sind wirtschaftlich erschöpft und politisch instabil.

1921 ist das Jahr der Londoner Reparationsforderungen – Deutschland wird zu hohen Reparationszahlungen verpflichtet. Das bedeutet für die Menschen in Deutschland wirtschaftlicher Druck und eine Inflation im Anlaufen. Aber es ist NOCH keine Hyperinflation. Die steht allerdings schon vor der Tür. 1921 hieß konkret: die Inflation beginnt spürbar zu werden, Geld verliert langsam an Wert (Hyperinflation kommt 1923).

Auch war es eine Zeit politischer Gewalt. 1921 und kurz davor, wie danach, ist geprägt von politisch motivierten Morde, zunehmender rechtsextremer Gewalt und Instabilität der jungen Republik. Ein Attentat auf den SPD-Reichstagsabgeordneten Philipp Scheidemann (1865 bis 1939) war gescheitert, andere hatten das Glück nicht.

Zu den bekanntesten Todesopfern zählen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (KPD-Führer, Januar 1919); Kurt Eisner (bayerischer USPD-Ministerpräsident, Februar 1919); Matthias Erzberger (Unterzeichner des Waffenstillstandes, früherer Reichsfinanzminister, August 1921); und Walther Rathenau (DDP, Außenminister, Juni 1922).

Rathenaus Ermordung löste reichsweit Protestdemonstrationen aus.

Sturm, 2011, S. 37

„Die Nachricht vom Tod des deutschen Außenministers rief landesweit Trauer und Empörung hervor. In zahlreichen deutschen Städten fanden Protestkundgebungen gegen den rechten Terror statt. Am Tag der Trauerfeier, dem 27. Juni, kam es zu einem landesweiten Proteststreik.“

Deutscher Bundestag, 2022

Interessant ist: Diese politischen Krisen spiegeln sich im Brief kaum direkt wider, was typisch ist für private Korrespondenz dieser Zeit. Stattdessen steht der Alltag der bürgerlichen Angestelltenwelt und persönliche Freundschafts-/ Liebesbekundungen im Vordergrund. Im Bürger*innentum herrscht in den 1920ern zwar aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Lage unterschwellige Unsicherheit, aber nach außen Normalität. Genau diese vermeintliche Normalität und das gewollt unpolitische Miteinander könnte man dem Brief(schreiber*innen) auch unterstellen.

Klar ist zu erkennen, dass der Brief aus dem Alltag in einem städtischen, bürgerlich-gebildeten Angestelltenmilieu stammt, denn erwähnt werden:

  • Bürotätigkeit, Abteilungen, Angestellte und Chefs, Prokurist, Diktieren, Schreibmaschinen.

    (Ein Prokurist ist eine bevollmächtigte Person in einem Unternehmen, die umfassende rechtliche Vertretungsmacht besitzt, um alle Arten von Geschäften im Namen des Unternehmens zu tätigen, mit Ausnahmen wie Grundstücksveräußerungen.)

Auch werden mehrere weibliche Angestellte (Frl. …) genannt, und klare Hierarchien, die dort herrschen. Und dann noch die Erwähnung von Buenos Aires / Südamerika, ein Hinweis auf internationale Handelsbeziehungen.

All das bedenkend können wir sagen: vermutlich ist es eine Handelsfirma, in der die Frauen arbeiten.

Es deutet insgesamt alles auf ein kaufmännisches Unternehmen hin und zudem auf die Einbindung Deutschlands in den globalen Handel trotz Nachkriegszeit. Was für ein Unternehmen es konkret war, ist uns leider (aktuell noch) unbekannt.


Die Absende-Adresse laut Briefumschlag ist die Kiesstraße 35, Darmstadt. Heute befindet sich dort eine Fahrschule, das Gebäude sieht neuer aus. Ist also wohl nicht mehr das Haus, was in dem Brief erwähnt wird. Auch ist nicht klar, ob es die Privatadresse der Haupt-Absenderin ist, ODER der ehemalige Firmensitz. In einer ersten Internetrecherche konnte keine ehemalige Firma ausfindig gemacht werden. Hier seht ihr das aktuelle Gebäude:

(Bildquelle: Google Streetview):


Darmstadt war in dieser Zeit eine Stadt, die sich nach dem Ersten Weltkrieg neu orientierte, mit einem Fokus auf Sport (Bau des Hochschulstadions 1921) und Kultur.

In der Gegend der Absende-Adresse gab es wohl eine große Gärtnerei, die weite Gebiete einnahm, allerdings konnten sich auch kleinere Gewerke ansiedeln, beziehungsweise auch kleinere Wohnhäuser, in denen in den Privaträumen kleine Werkstätten zu finden waren. Falls also die Adresse auf dem Briefumschlag die der Firma ist, dann könnt ihr euch das Gebiet jetzt etwas vorstellen – eine große Gärtnerei und kleinere Häuser für arbeitende Menschen, die in ihren Privatwohnungen arbeiten mussten. In der Heimarbeit arbeiteten Frauen oft in der Textilindustrie (vgl. von Hindenburg, 2018).

Es könnte eben aber auch die Adresse der primären Schreiberin des Briefes sein. Vielleicht lässt sich mit etwas Zeit noch etwas herausbekommen dazu!


Zurück zu einem der Hauptthemen des Briefes: weibliche Arbeit. So spiegeln sich Geschlechterrollen klar im Brief wieder. Für uns also aus historischer Sicht sehr aufschlussreich: ist der Blick auf weibliche Arbeit dieser Epoche.

Mehrere „Fräulein“ im Büro bedeutet unverheiratete Frauen als Angestellte, so verrät es uns der Begriff „Fräulein“. In der Zeit mussten Frauen oft ihre Arbeit aufgeben nach einer Verheiratung (vgl. Herbert, 2014, S. 236 f.). Anders gesagt: in dieser Ära kämpften die Frauen um ihren Platz in einer von Männern dominierten Welt – der Gesellschaft, wie auch der Arbeitswelt. Sie machten um 1920 1/3. aller Angestellten aus (vgl. von Hindenburg, 2018), hatten aber definitiv nicht den gleichen Stellenwert wie Männer- dies zeigt sich auch in den Hierarchien, die aus dem Brief rauszulesen sind – die Sekretärinnen, die halt alles abtippen, wenn die Vorgesetzten rufen, auf der einen Seite und die eben männlichen Chefs auf der Anderen.

Die Briefeschreiberin, wie auch Minna, an die der Brief adressiert ist, sind sogenannte „Tippmamsell“. Der Begriff setzt sich zusammen aus „tippen“ (Schreibmaschinenschreiben bzw. „-tippen“) und „Mamsell“ (französisch für Fräulein/junge Dame), also eine „Fräulein vom Tippen“ oder „tappende Dame“. 

In „Ein rätselhafter Schimmer – Die Wilden Zwanziger in einer poetischen Amüsierschau“ wird über sie geschrieben:

„Frauen beraten als Verkäuferinnen im Kaufhaus, verbinden als Telefonistinnen Anrufe oder tippen als Bürokraft an der Schreibmaschine. Diese Arbeitsplätze sind leichter, angesehener und besser bezahlt als die Schufterei in Fabrik oder Landwirtschaft.

Der Beruf der Sekretärin gewinnt in den 1920ern an Bedeutung, weil die Verwaltungsarbeit zunehmend verschriftlicht wird. Den Beruf des Sekretärs gibt es schon lange. Wie sich nun zeigt, können diese Arbeit Frauen ebenso gut machen. Es muss ihnen auch nicht so viel gezahlt werden wie den Männern. So jedenfalls die damals vorherrschende Meinung.“

Trio Größenwahn, 2015

Dieser Beruf gibt den Frauen also gewisse Freiheiten und doch sind sie auf eine gewisse Stellung festgelegt. Interessant noch: „Mamsell“, ist eine ältere, oft französischen Bezeichnung für eine junge, unverheiratete Frau. Hier sind wir also wieder bei dem unverheiratet angelangt.

Und das ist umso interessanter, da ja der unverheiratete Mann an einer Stelle so abgewertet wird. „46 Jahre und noch Junggeselle“ wird explizit erwähnt. Die Ehe ist also gesellschaftliche Norm und Unverheiratetsein gilt als erklärungsbedürftig oder suspekt („vielleicht Weiberfeind“ – Zitat der 2. Schreibenden Person im Brief). Dabei sind ja die „Fräulein“ auch unverheiratet, vermutlich sind die Mehrheit der Frauen aber noch jung und werden daher anders bewertet bzw. noch Zeit für die kommende Verheiratung eingeräumt. Das Alter zumindest von Minna sollten wir noch erfahren!

Spannend auch die Betonung von Schulbildung und damit Abwertung niederer Bildung und die Herkunft (Bayerin, Unterfränkin), die Bewertung dieser Merkmale einzelner Sekretärinnen und Charakterbeschreibungen („bescheiden“, „ängstlich“, „zutraulich“) derer. Die „Tippmamsell“ impliziert nämlich einen gewissen Glanz, Modernität und eine Abgrenzung zur körperlichen Arbeit, müsst ihr wissen. Sie war eine moderne Frau mit Bürojob, die mit Anstand und Charme agierte. Es gab genaue Vorstellungen über sie in Gesellschaft und gleichfalls auch in der Arbeitswelt, in der sie sich bewegten.

Das Alles zeigt uns: Frauen sind akzeptiert in der Arbeitswelt, aber stark bewertet. Ihr Aussehen ist wichtig, sonst würde die erste Briefschreiberin nicht betonen ein MannFand mich sehr gut aussehend“. Und auch eine andere Frau wird ja bewertet als…

„Hübsch ist sie nicht, 10 Jahre älter sieht sie wenigstens aus wie Du, wenn sie auch gleich Dir 31 zählt.“

Sie wird also an ihrer Attraktivität und Jugendlichkeit gemessen und das im Vergleich zu Minna. Aber es geht nicht nur um das Aussehen: Auch das Auftreten der Frauen wird moralisch, sozial und emotional beurteilt, keinesfalls (nur) fachlich – von außen und untereinander.

Zu was führt das? Konkurrenz und kritische Beobachtung unter den Frauen ist im Arbeitsalltag der Frauen präsent und beides ist klar aus dem Briefe herauslesbar. Dabei hatten sie nur so wenige Jahre der Emanzipation und des neuen Frauenbildes, denn ein Ende lauerte schon:

„Mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 und ihrer sozialen Folgen verlor das Image der selbstständigen und unabhängigen Neuen Frau (…) zunehmend an Glanz. Als kulturelles und konsumorientiertes Phänomen verschwand es ebenso schnell aus dem Alltag, wie es aufkam.“

Herzog, 2014

Kommen wir noch zum Thema „Körper, Krankheit & Medizin“. Die wiederholte Erwähnung eines Karbunkels ist historisch interessant, denn solche Infektionen waren ernsthaft und potenziell gefährlich. Warum? Antibiotika waren noch nicht verfügbar und Entzündungen im Gesichts- bzw. Kopfbereich konnten potentiell lebensgefährlich sein. Die große emotionale Anteilnahme der ersten und vorrangigen Briefschreiberin zeigt: Krankheit war ein zentrales Lebensrisiko und medizinische Probleme waren Alltagsgespräch. Es zeigt aber auch die sehr enge Beziehung der beiden erneut auf.

Etwas skurril empfand ich die ungeschönte Erwähnung des Karbunkels im Gespräch mit „Herrn Eiselt“ auf Seite 3. Sollte solch eine private Info an alle gelangen? Also einfach so erzählt werden??

Ihr müsst wissen, ein Karbunkel ist eine tiefe, schmerzhafte Entzündung mehrerer benachbarter Haarfollikel, die zusammenfließen und einen großen Eiterherd bilden, oft als Folge von mehreren miteinander verbundenen Furunkeln. Verursacht durch Bakterien, meist „Staphylococcus aureus“, äußert er sich durch eine harte, gerötete Schwellung mit multiplen Eiterdurchbrüchen und kann Fieber sowie Allgemeinsymptome verursachen. Die Behandlung umfasst meist chirurgische Eröffnung und Drainage sowie Antibiotika.  (vgl. Schirrmacher, S. et al., 2024) – also in moderner Zeit Antibiotika. Damals gab es die ja noch nicht!

Bildquelle: Shutterstock

Da er sich bei Minna am Kopf befand, in der Nähe des Ohres, wie geschrieben wurde, war er wohl gut sichtbar und vermutlich der Hauptgrund für den Arbeitsausfall/Erholungsurlaub.

Schön ist das nicht, hätte mir vermutlich also gewünscht, dass etwas anderes erzählt wird, wenn eine Freundin gefragt wird, warum ich krank bin. Notlüge halt.


Minna war jedenfalls erkrankt und sicher auch äusserlich von der Entzüdung gezeichnet. Nun war ihr Aufenthalt an der Nordsee aber vermutlich nicht nur krankheitsbedingte Erholung und Genesung, sondern vermutlich auch einfach Urlaub. Oder was war es genau?

Das wollen wir im 2. Teil betrachten. Auch schauen wir uns noch die emotionalen Aspekte des Briefes an und diskutieren kritisch das Verwenden des rassistischen Begriffes im Brief. Und ich hab 1-2 Vintage Bilder eingefügt von lesbischen Pärchen. Ich denk also, dass es spannend wird. Schaut gern rein!!!

Ein Tipp von mir noch: Den 2.Teil gern an einem anderen Tag lesen, falls es euch sonst zu lang wird. Daher hab ich es aufgeteilt. 🙂


Teil 2


Willkommen zum 2. Teil des Briefes aus Darmstadt an die Nordsee.

Nachdem wir jetzt historische Aspekte der Zeit und weibliche Arbeit in der Weimarer Rebublik betrachtet haben im ersten Teil des Blogbeitrages, soll es im Zweiten Teil noch um den Ort gehen, zu dem Minna gereist ist und um die Emotionalität, die den gesamten Brief durchzieht.

Ich denke da schauen wir noch spannende Aspekte an. Bin gespannt, was ihr denkt zu der Art der Beziehung, den die Beiden teilten. 🙂

Der im Brief erwähnte Kontrast zwischen Ferien am Tegernsee und dem „schrecklichen Käfig“ Büro zeigt das Aufkommen moderner Erholungs- und Urlaubskultur, damit Natur (Berge, Sonne, Baden) als „Gegenwelt“ zur Arbeit. Das ist typisch für das bürgerliche Lebensideal um 1900–1925.

Hier handelt es sich zwar um die Aussagen von Kolleginnen von Minna. Aber auch sie wird ja ähnliche Einstellungen zu Urlaub und Erholung von der Arbeit gehabt haben.

Auch historisch/arbeitsrechtlich bemerkenswert: eine Urlaubsverlängerung wird ernsthaft erwogen beziehungsweise der Adressatin des Briefes ans Herz gelegt, dies wiederum ist Zeugnis einer gewissen sozialen Sicherheit der angestellten Frauen.

Der Urlaubsort selbst ist laut Umschlag „Sahlenburg bei Cuxhaven“. Sahlenburg ist laut einer schnellen Recherche auf verschiedenen Seiten zu der Gegend: ein beliebter, familienfreundlicher Ortsteil von Cuxhaven an der niedersächsischen Nordseeküste, bekannt für seinen langen Sandstrand, das UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer und den angrenzenden Wernerwald.

Minna war aber nicht irgendwo in Sahlenburg, sondern in der „Nordheim Stiftung“. Hier könnt ihr es nochmal nachlesen:

„Die Hamburger Nordheim – Stiftung im Cuxhavener Ortsteil Sahlenburg, war eine Fachklinik zur Behandlung von vornehmlich an Knochentuberkulose erkrankten Kindern aus ärmlichen Verhältnissen. Die Gebäude der Krankenanstalt wurden aus Mitteln des Vermächtnisses vom verstorbenen Hamburger Kaufmanns Marcus Nordheim ab 1904 gebaut. Zwei Jahre später konnte das neue Krankenhaus offiziell den Betrieb aufnehmen.

(…) Nach Ende des ersten Weltkriegs und Abzug des Militärs, ging die Anstalt unter der Regie Hamburgs trotz schwieriger wirtschaftlicher Umstände (…) wieder in Betrieb.“

festungswerke-cuxhaven.de

Sie war also in einer Art Reha-Klinik / Krankenhaus und das am Meer, direkt an der Nordsee. Wir konnten also sicher klar stellen, dass es nicht ein einfacher Urlaub war. In einer Heilanstalt ist man ja nicht aus Spaß! Sicher konnte sie dort gut gesund werden.

Bildquelle: festungswerke-cuxhaven.de

Mittlerweile ist das Krankenhaus wohl ein sogenannter „Lost Place“, also ein leerstehendes Krankenhaus mit verschiedenen Gebäuden. Auf https://bjoern-eickhoff.de/lost-place-seehospital-sahlenburg/ könnt ihr einen Artikel mit vielen Bildern darüber lesen. Vielleicht komm ich da ja mal hin, dann mach ich eigene Bilder und zeige sie euch!


Abschließend mag ich gern noch über die emotionale Kultur und Sprache des Briefes sprechen.

Der Ton des Briefes ist sehr emotional, man könnte fast sagen, er ist zärtlich und auch sehr fürsorglich.

Typisch für die Zeit sind starke Briefkultur, obwohl nur ein Brief vorliegt, kommt die Normalität des Briefeschreibens heraus. Auch typisch: häufige Koseformen („Goldchen“, „Goldi“, „Putzi“). Wir können also sagen, dass eine Nähe sprachlich intensiv hergestellt wird. Eventuell da die physische Distanz schwer(er) bis gar nicht zu überbrücken war. Ich hab die Strecke mal eingegeben – es sind 5h, 59 Min. Fahrt (579 km). Sich einfach besuchen war also nicht möglich.

Es kann aber auch sein, dass die beiden immer so miteinander umgehen und die Distanz keinen Unterschied gemacht hat. Sie hat eventuell nur dazu geführt, dass wir dieses historische Zeugnis in Form des Briefes davon haben.

Die Formulierung, die zum Titel dieses Blogbeitrages wurde,

„Im Geiste gebe ich Dir einen herzlichen festen Kuss auf Dein goldiges Mäulchen“,

…ist schon wirklich sehr körperlich und zeugt von einer intimen Beziehung. Wenn es nie einen Kuss gegeben hätte vorher, dann traut man sich ja nicht sowas zu schreiben! Etwas in der Art habe ich noch nie aus der Zeit, und gleich gar nicht unter Arbeitskolleginnen, gelesen. Vielleicht lag also eine intimere Beziehung vor.

Wir wissen es aber nicht. Auch wissen wir die Geschlechter nicht genau, denn es werden verschiedene Pronomen verwendet (siehe Verabschiedung), aber Sekretärinnen, also weibliche, waren oft billiger. So arbeiteten dann – laut einiger Quellen – oft mal 20 Frauen in einem Raum und tippten auf ihren Schreibmaschinen.

Ob aber die/der primäre Briefschreiber*in nun tatsächlich eine Frau oder ein männlicher Angestellter (oder was auch immer für ein Geschlecht) war? Wir wissen es nicht 100%. Mein Bauchgefühl sagt: Frau. Allein schon die Stelle [ein Mann] Fand mich sehr gut aussehend“ deutet darauf hin, da ja seit jeher eher Frauen so öffentlich bewertet werden, ihr Äußeres betreffend.

Dementsprechend könnten wir hier vermutlich von einer vintage lesbischen Beziehung lesen, eventuell auch von einer Freundschaft, die sehr intime Züge hatte. Bei manchen Freundschaften unter Frauen in dieser Zeit ist ja die Grenze von freundschaftlicher Zuneigung zu partnerschaftlicher Intimität sehr fließend und diese endeten zu früheren Zeiten (und wohl auch heut manchmal) dann mit einer bürgerlichen, heterosexuellen Ehe einer der Freundinnen oder beider, so war es schließlich von der Gesellschaft gewollt. Es gab eine teilweise Liberalisierung von Sexualität und Beziehungen in dieser Zeit, aber die traditionellen Rollen waren stark verankert.

Sagen wir einfach mal, sie waren ein Paar! Wir haben ja (durch das eine Kompliment) erfahren, dass Minna 31 Jahre alt war. Die Frauenbewegung begann, sich in dieser Zeit stark gegen Diskriminierung zu wehren auch bezüglich stereotypen Vorstellungen von Weiblichkeit und Heirat als gesellschaftlicher Zwang, aber die allgemeine Erwartung war eine frühe Heirat.

Mit 31 noch ein unverheiratetes „Fräulein“? Das könnte auf eine heimliche lesbische Partnerschaft hinweisen. Wie es den Beiden mit ihrer potentiellen Beziehung dann im Nationalsozialismus ging? Wir können nur das Beste hoffen!

Am Ende wissen wir ja auch nichts dazu, ob es überhaupt so war, dass sie eine Beziehung hatten. Wir stellen ja nur Vermutungen an, auf Basis des Geschriebenen, denn die Nähe und Intimitität, die aus dem Brief klingen sind schon besonders. Schade, dass wir nicht mehr Briefe haben, eventuell wären wir dann klüger. Die Vorstellung ist aber einfach zu schön. Ich hoff sie waren glücklich.

Bildquelle unbekannt, ca. 1920er Jahre
Bildquelle unbekannt, ca. 1920er Jahre
Bildquelle unbekannt, ca. 1920er Jahre

Was wir aber wissen ist, Briefe waren zentrale Träger von: Beziehungspflege, emotionaler Stabilität (gegenseitig) und Alltagsorganisation (Länge Urlaub, Arbeitsplatzinformationen). Und das alles bietet dieser Brief.

Manche erwähnte Beziehungen bleiben allerdings im Dunkeln – neben der von Minna und der Briefeschreiberin auch warum der eine Mann Papa genannt wird, es scheint doch eher der Chef zu sein. Auch das ein Kosename? Dies wiederum würde erklären, warum Minna einfach ihren Urlaub verlängern kann, wenn sie will, denn es scheint ja sehr familär zuzugehen in dieser Firma.


Sprachlich sollte eventuell noch die Bezeichnung „Mulattin“ erwähnt werden, die in dem Brief leider vorkommt. Um 1920 war „Mulattin“ ein gängiger, aber rassistisch geprägter Begriff für eine Frau mit schwarzer und weißer Abstammung, der aus der kolonialen und sklavereibasierten „Rassen“-Einteilung stammte und heute als diskriminierend und wissenschaftlich nicht tragbar gilt, da er auf unwissenschaftlichen Einteilungen beruht und die soziale Hierarchie der Sklaverei widerspiegelt. (vgl. Arndt, 2004, S. 4)

Im Sprachgebrauch schlagen sich nicht nur Werte und Hierarchien einer Gesellschaft nieder; zugleich werden diese auch durch Sprache verfestigt und getragen. Deswegen ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass mit dem Gebrauch von Sprache immer auch gehandelt wird und Konzeptualisierungen, die durch den Gebrauch bestimmter Begriffe hervorgerufen werden, zu reflektieren. Auf dieser Grundlage kann dann auf diese Begriffe verzichtet und auf alternative Termini zurückgegriffen werden.

(Arndt, 2011)

Heute werden neutralere und auch fachlich korrektere, dazu ethischere (weniger diskriminierende) Begriffe bevorzugt, und wie es in dem Zitat stand, auf alte verzichtet. In Anlehnung an Debatten in Nordamerika, Frankreich und Großbritannien hat sich in „Deutschland zunächst „Afro-Deutsche“ und später dann „Schwarze Deutsche“ sowie auch „Schwarze“ und „People of Color“ als Selbstbezeichnungen etabliert“. (Arndt, 2011)

Es ist natürlich nicht schön in alten Briefen, die eigentlich solch emotionale und romantische Momente haben, auf einmal solch rassistische Begriffe zu lesen.

Allerdings gibt uns das auch immer die Möglichkeit zu reflektieren, wie weit wir schon gekommen sind in manchen Dingen und auch, wo wir noch Baustellen haben. Warum verwehren sich zum Beispiel noch so viele Menschen dagegen sich mit Kolonialismus und strukturell so verankertem Rassismus auseinander zu setzen? Warum lassen sie solche und ähnlich diskriminierende Begriffe auch bis heute nicht einfach, wenn sie doch offensichtlich anderen schaden? Ich mein der Brief ist über 100 Jahre alt. Sollten wir uns in über 100 Jahren nicht weiterentwickeln?

Alles verändert sich, die Welt dreht sich stets weiter. Warum sollte sich also nicht auch Sprache weiterentwickeln, so wie sie es jeher getan hat? Ich weiss das, denn ich hab Briefe von vor über 150 Jahren und wir sprechen nicht mehr so wie damals. 😉

Haltet also nicht krampfhaft an Dingen fest, nur weil sie bisher so gemacht wurden! Vieles wurde früher in einer Art gehandhabt, die wir heute als negativ bewerten (fehlende Frauenrechte und Kinderrechte, Sklaverei, kompletter Ausschluss von Menschen mit Behinderung, autoritäre Erziehung, …). Daher entwickeln wir uns ja weiter, werden rücksichtsvoller, weniger diskriminierend, im besten Fall. Macht weiter so! Nie stehen bleiben….dann schlagt ihr im negativen Sinn Wurzeln und werdet altbacken.

Gehen wir weg von diesem Thema und ein letztes Mal wieder hin zum Brief…


Warum ist dieser Brief gerade historisch so interessant? Warum hab ich ihn zur Veröffentlichung gewählt?

Es gibt keinen spektakulären Moment, aber genau das ist der Punkt. Der Brief zeigt: Normalisierung nach dem Weltkrieg, den Versuch, Alltag, Liebe und Arbeit wieder stabil zu gestalten. Es ist eine Gesellschaft zwischen alter Ordnung und neuer Unsicherheit. Historisch nennt sich das:
„Zwischenkriegsalltag“ oder „fragile Normalität“.

Historisch gesehen ist der Brief also ein sehr wertvolles Zeitdokument, obwohl er keinen „großen“ historischen Moment beschreibt, aber dafür neben dem Zeitgeist der „fragilen Normalität“ auchden Alltag arbeitender bürgerlicher Frauen der frühen Weimarer Republik lebendig macht. Was hat sie bewegt? Es waren Themen wie Arbeit; Krankheit; Beziehungen, Liebe und Freundschaft; Bürohierarchien und Konkurrenzdenken; Urlaube/Wegkommen von der Arbeit; Geschlechterrollen und Aussehen.

Gerade diese Alltäglichkeit macht ihn historisch besonders aussagekräftig, würde ich meinen. Ich hoffe ihr seht das ähnlich und der Beitrag hat euch gefallen.

Übrigens hieß eine meiner (Ur-)Urgroßmütter Minna. Ob sie wohl in Darmstadt gewohnt hat? 😉


Ist mir noch was entgangen in dem Brief? Habt ihr Eindrücke zu den Recherchen und Gedankengängen, die ihr teilen wollt? Schreibt gern ein Kommentar!

EURE BEWAHRERIN


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ANMERKUNG DER AUTORIN:

– das in dem Brief erwähnte „qui vivra verra“ – heisst „time will tell“
– aka: die Zeit wird es zeigen


LESEEMPFEHLUNG ZU ERWERBSARBEIT VON FRAUEN IN DER ZEIT
– ein toller Beitrag mit vielen Abbildungen zu historischen Dokumenten:

von Hindenburg, B (2024): Erwerbstätigkeit von Frauen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv. URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/erwerbstaetigkeit-von-frauen-im-kaiserreich-und-der-weimarer-republik


QUELLEN:

Arndt, S (2004): Kolonialismus, Rassismus und Sprache. Kritische Betrachtungen der deutschen Afrikaterminologie. Aufsatz, Bundeszentrale für politische Bildung.

Arndt, S. (2011): Kolonialismus, Rassismus und Sprache. IN: Migrazine, Ausgabe 2011/2. Abgerufen unter: https://www.migrazine.at/artikel/kolonialismus-rassismus-und-sprache

Deutscher Bundestag (2022): Kalenderblatt. 24. Juni 1922: Außenminister Walther Rathenau wird ermordet. Abgerufen unter: https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/1922-06-24-rathenau-899360

Herbert, U. (2014): Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. München.

Herzog, S. (2014): Die Neue Frau. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Abgerufen unter: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/alltagsleben/die-neue-frau

Schirrmacher, S. et al. (2024): Karbunkel. Abgerufen unter: https://flexikon.doccheck.com/de/Karbunkel

Sturm, R. (2011): Kampf um die Republik 1919 – 1923. Aus: Informationen zur politischen Bildung (Heft 261). bpb.

Trio Größenwahn (2015): 6 Tippmamsell. Ausschnitt aus dem gleichnamigen Lied vom Trio Größenwahn. Abgerufen unter:https://www.ein-raetselhafter-schimmer.de/boutique/sound-adventskalender/tippmamsell

von Hindenburg, B (2024): Erwerbstätigkeit von Frauen im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, in: Digitales Deutsches Frauenarchiv. URL: https://www.digitales-deutsches-frauenarchiv.de/themen/erwerbstaetigkeit-von-frauen-im-kaiserreich-und-der-weimarer-republik

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2 Kommentare

  1. Evi says:

    Was für ein interessantes Zeitdokument und die umfangreichen geschichtlichen Recherchen, sowie Erklärungen zum Inhalt des Briefes

    1. Hihi…vielen lieben Dank !!! 🙂 <3 Ich geb mir stets Mühe!

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