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3. Teil zu den Briefen und Karten des kleinen Tom – die Einbeinigen hüpfen durch das Krankenhaus bis die Wände wackeln

Da sind wir wieder mit dem 3. Teil zu den Briefen von Tom zum Ende des Krieges. Ich hoff ihr habt die anderen 2 Teile schon gelesen. Wenn nicht, holt das gern noch nach und hinterlasst gern ein Kommentar, da freu ich mich!

Hier die Links zu Teil 1 und 2:

3 Tage nach dem Letzten, im 2. Blog-Post beschriebenem, sendet er erneut eine kleine Karte (am 23.10.1944, Nr. 8 jetzt insgesamt) mit Neuigkeiten. Hier berichtet er von netten Besucher*innen bei ihm im Krankenhaus, unter anderem auch mit Blumengestecken im Gepäck. Zauberhaft.

Und dann schreibt er noch was Skurriles, nämlich dass sein Gebiss nicht mehr recht sitzen will und wohl ein Besuch bei „Stockfisch“ nötig wäre. Wohl sein Zahnarzt.

Nun verwenden wir heut meist das Wort „Gebiss“ eher bei den Dritten, also herausnehmbaren Zähnen, wenn die eigenen nicht mehr da sind. Dies passiert ja eher bei älteren Menschen, dass sie diese benötigen. Ich vermute mal dass so ein junger Mensch nicht tatsächlich ein Gebiss zum Einsetzen meint, sondern dass seine Zähne „nicht mehr recht sitzen wollen“ so gewertet werden könnte, dass sie schief wachsen und er vielleicht eine Spange oder ähnliches benötigen wird. Dazu gleich mehr.

Schaut aber erstmal dies hier an….

Unten auf der Karte sieht man diesen Aufdruck:

Nicht verwunderlich dass Karten auch für Propaganda benutzt wurden. Bisher scheint Tom ja von solcher Beeinflussung recht unberührt. Er äußert sich weder pro noch gegen die Nationalsozialist*innen oder gar den Krieg. Das konnte ja auch gefährlich sein.

Daher war es eventuell auch nur Vorsicht.


Am 27.10.1944 nun (Nr. 9) schrieb er das erste Mal einen längeren Brief. Natürlich kann es auch sein, dass welche verloren gegangen sind, die ich nicht erwerben konnte. Das wissen wir nicht.

Aber wenn wir – positiv denkend – davon ausgehen, dass ich alle besitze, dann hat er nun 4 Tage nach der letzten kleineren Karte mal ausführlicher geschrieben. Es ist auch ein – vom Format her – größerer Brief, wieder zum Ausklappen und mit Vordruck für die Adressen und so.

Und kaum haben wir mal ein paar mehr Worte von Tom erfahren wir mehr zu seinem „Gebiss“:

„Dass Dr. Stockfisch beim Septemberangriff nicht ausgebombt wurde, war nicht anzunehmen. Beim Oktoberangriff wird’s ihm wahrscheinlich auch wieder getroffen haben. Jetzt kann ich vor Dezember wieder nicht zu ihm.

Vor 1. Dezember werde ich kaum reisefähig sein. Das ist sehr ungeschickt, denn es wäre bitter nötig für mich mal wieder in seine Sprechstunde zu kommen, zumal da mein oberes Gebiss gar nimmer sitzen will. Immer wenn ich es hineinsetze springt es wieder heraus. Also kann ich es nicht mehr tragen.“

Ob er nun eine Spange meint oder tatsächlich ein „Gebiss“? Denn er schreibt weiter: „Dadurch kann alles vergeblich sein.“

Was soll den vergeblich sein? Wenn es eine Spange wäre, dann könnte er meinen, die Versuche die Zähne zu begradigen könnten vergeblich sein, wenn er sie nicht einsetzen könnte!
Ich selbst hab ja – wie viele – auch eine getragen, und wir alle wissen, dass sie tatsächlich regelmäßig eingesetzt werden muss, dass sich die Zähne auch zurecht schieben. Also könnte es so gemeint sein!

Weiter schreibt er auch von Drähten, die sich verschieben würden durch das Herumliegen auf den Tragebahren des Krankenhauses bei Fliegerangriffen, wie er in den letzten Briefen berichtet hatte. Vielleicht meint der dass es so ruckelt, wenn er wieder mal in den Keller gefahren wird, mehrfach an einem Tag und sich dadurch die Drähte verzogen haben. Aber auch Gebisse wurden ja zum Teil mit Drähten angefertigt, also sicher wissen wir nicht, was er meinte!

So kommen wir nicht weiter und können nur vermuten. Allerdings kann man ja recherchieren und findet dann tatsächlich eine Erfindung eines Hugo Stockfisch – der sogenannte „Kinetor“. Auch ein Buch hat er darüber geschrieben:

Diese Ausgabe ist von 1966. Auch spannend: Auf der Seite der deutschen digitalen Bibliothek gibt es ein Archiveintrag über einen Professor Hugo Stockfisch, Zahnarzt, Stuttgart, geboren 1914. Ist das der erwähnte Arzt? Wenn ja, dann wäre er 1944 ja 30 Jahre alt. Das würde passen! (vgl. Deutsche Digitale Bibliothek, 2025)

Der Beitrag ist wohl eine „Zeitungsausschnittsammlung zur Personengeschichte“. Leider kann man den Teil über Dr. Stockfisch nicht öffentlich einsehen, also nicht im Internet. Eventuell geht es ja vor Ort, aber nach Stuttgart, in deren Archiv, komm ich nicht einfach mal so.

Dr. Madsen der Kieferorthopädie Mannheim hat zu dem „Kinetor“ eine kleine Informations-Seite auf seiner Homepage zu Stockfischs Erfindung. Dort schreibt er:

„Eine von Hugo Stockfisch aus dem Aktivator entwickelte, herausnehmbare Doppelspange, deren Oberkiefer- und Unterkieferteil durch zwei elastische Schläuche verbunden sind. Die Erstpublikation im Rahmen eines eigenen Lehrbuchs erfolgte 1966. Stockfisch ist damit einer der prominenten Autoren der sogenannten „Funktionskieferorthopädie“, einer untergegangenen Dogmenlehre des letzten Jahrhunderts.“

– Madsen, 2021

Später kommt er dann zu einem sehr negativen Fazit zu der Apparatur:

„Irgendwelche besonderen Vorteile gegenüber den Monoblöcken (Aktivator,  Bionator) sind jedoch nie nachgewiesen worden, während das Gerät trotz Fertigteilen aufwändiger herzustellen ist, leichter Defekte bekommt und hygienisch problematisch ist. Es handelt sich um eine veraltete Apparatur, deren Einsatz heute nicht mehr gerechtfertigt werden kann.“

– Madsen, 2021

Demnach war es damals im Krieg vermutlich der akutelle Stand der Kieferchirurgie; am Ende trotz der Kritik, die wir hörten, eine funktionierende Spange und half Tom vermutlich mit der Stellung seiner Zähne. Aber es gab eben auch Probleme damit und heute bessere Spangen.

Sieht man sich jetzt die Fotografie an, dann kann man sich gut vorstellen, dass sie bei Tom durch die unruhige Kriegszeit verzogen war. Durch die vielen Drähte ein großer Nachteil des Designs. Im Zitat haben wir ja gehört dass die Spangen „leicht Defekte bekommen“.

Wir können also schlussfolgern dass Tim vermutlich einen „Kinetor“ getragen hat. Was das ist, wisst ihr jetzt: Ein Kinetor ist ein historisches, funktionskieferorthopädisches Gerät (eine herausnehmbare Zahnspange), das von dem deutschen Kieferorthopäden Hugo Stockfisch entwickelt wurde.

Da der Professor Stockfisch aber erst 1966 darüber publiziert hat, kann es natürlich auch sein, dass Tom einen Prototypen, eine zeitigere Variante getragen hat, so dass der Dr. erstmal über Jahre und durch verschiedene Patient*innen schauen konnte, ob sie funktionieren, bevor er das Buch veröffentlicht hat.

Da Hugo Stockfisch 1912 geboren wurde, fiel sein junges Erwachsenenalter (27 bis 33 Jahre) exakt in die Hoch-Zeit des tobenden Zweiten Weltkriegs (1939–1945). Da fast alle approbierten deutschen Ärzt*innen und Zahnärzt*innen (meist männlich damals) dieses Jahrgangs während des Krieges zur Wehrmacht eingezogen wurden – oft als Sanitätsoffiziere, kann es sein, dass es auch ihm so erging. Dass Tom bedauert erst im Dezember zu ihm zu können klingt eher danach als wäre der Dr. nicht im Kriegsdienst.

Doch erwähnt Tom nichts dazu. Wir wissen ja nur von der Seite der Deutschen Digitalen Bibliothek dass er sogar Professor war. Ich finde allerdings nichts Weiteres über ihn und wo er Professor war.

Am Ende kann es natürlich auch sein, dass Tom einen anderen Arzt in Stuttgart mit dem Namen hatte. Aber das wäre schon ein Zufall!

Nun bleibt nur noch zu klären, warum Tom von „Gebiss“ schreibt. Das heute universell verwendete Wort „Zahnspange“ setzte sich im breiten Sprachgebrauch wohl erst im Laufe der Zeit durch. Der bekannteste Kollege von Hugo Stockfisch, Hans Peter Bimler, nannte seine Apparatur ab 1949 ganz offiziell „Bimler-Gebissformer“. Es ist bis heute der feststehende Fachbegriff für dieses Gerät. Somit kann man vermuten, dass man im Alltag oft schlicht und kurz von einem „Gebiss“ sprach.

Aber nur eine Vermutung. Eventuell erfahren wir ja mehr in den weiteren Briefen. Sonst lassen wir diese Theorie mal so stehen!

Anschließend berichtet er im Brief von ausbleibenden Angriffen von Fliegern auf die Region, so dass er nicht mehr in den Keller musste. Na davon hat er ja auch schon eine Menge erlebt!

Er erwähnt außerdem immer wieder in den nachfolgenden Karten und Briefen die sich mehrfach nach hinten verschiebende Operation, da die Splitterwunden einfach nicht verheilen wollten. Ihr erinnert euch ja an den Beschuss des Zuges, in dem Tom saß und seine Verletzungen dadurch. Operieren wollte man aber nun erst, wenn diese zugewachsen waren. Warum solch eine Wunde erst zu sein muss, bevor man das Bein wieder aufschneidet, um die Splitter zu entfernen, erklärt sich mir nicht. Allerdings wird es wohl einen medizinischen Grund dafür geben.

Doch schreibt er davon, dass die Wunden auf der linken Seite schon so verheilt sind, …


„dass weder Verband noch Pflaster nötig sind“

Das rechte Bein macht aber immer noch Sorgen! Es „liegt immer noch auf der Schiene fest-festgebunden und wird alle zwei Tage frisch verbunden.“ Na ob es wohl noch verheilen wird?

Wir erfahren sonst noch aus dem Brief dass er sich nicht, doch aber seine Zimmerkameraden sich hüpfend durch die Gegend bewegen (können).

„Auf einem Bein herumhüpfen kann ich und darf ich selbstverständlich nimmer. (…)

Meine beiden Freunde und Zimmergenossen sind sehr munter. Wenn sie im Gang herumhüpfen zittert der Boden.

Eine Assistenzärztin erzählte uns, das Hüpfen würde auch im darunterliegenden Operationssaal zu vernehmen sein.“

Tja, da wackelten wohl die Wände. Schon etwas skurril die Vorstellung, dass die Einbeinigen sich hüpfend durch die Flure bewegten. Tom sah sie alle beiden als enge Freunde an.

Er berichtet noch vom (doch sehr sattem) Essen im Krankenhaus und von Besuchen. Gerade das mit dem Essen hat mich sehr gewundert. Auch wenn es auf dem Land besser aufgestellt war mit der Versorgung, geht man ja doch von einem gewissen Mangel aus.

Abschliessend sagt er noch, dass er sich …

„schon vollkommen in den Krankenhausalltag eingewöhnt [hat], so dass [ihm] nichts mehr neu oder gar merkwürdig erscheint.“

Spannend ist aber auch noch eine Stelle etwas weiter vorn. Dort erzählt er davon dass in Klassenkameraden besucht hätten. Sie kämen besonders am Samstag und Sonntag, da das die einzigen Nachmittage sind, an denen sie frei hätten.

Beispielbild eines Krankenhausbesuches eines verletzten Kindes – Quelle: Bundesarchiv

Das finde ich doch sehr spannend, denn was mussten die Kinder denn alles leisten an den 5 anderen Nachmittagen der Woche? Wieder Hilfsaufgaben für den Krieg, oder eben H.J.-Dienst? Propaganda verbreiten? Oder fürs Winterhilfswerk sammeln?

Altmetallsammlung der Hitlerjugend in Worms, 1938 – Quelle: Bundesarchiv

Auch am 3.11.1944 (Nr. 10) liegt er nach wie vor im Krankenhaus und wurde wohl immer noch nicht operiert.

In dieser kleinen Karte berichtet er dazu von Verzögerungen des Postversandes, da er immer warten muss bis jemand kommt, der die Post (lieberweise) für ihn abschickt. Das Krankenhauspersonal kümmerte sich scheinbar nicht um solche Aufgaben.

Stark bedauernd erzählte er von 2 Dingen: einmal von dem Entlassen eines seiner Zimmerfreunde, dem „Fritz“, woraufhin sie nur noch zu zweit waren. Und dann wurden die Beiden (der kleine Tom und ein „Bernhard“) von ihrem muckeligen kleinen Zimmer auch noch in einen Krankensaal verlegt. Dort lagen sie dann wohl alle nebeneinander, 13 Betten.

Exemplarisches Bild eines Krankensaales, genauer: in der Charité, Krankensaal im Institut für Infektionskrankheiten, Datum: 1892

Die nachfolgenden Zeilen möchte ich nicht behandeln und auch nicht abtippen. Wer sie unbedingt lesen mag, lest sie selber, denn sie sind sehr grafisch und auch sehr eklig, wenn ich das mal so klar sagen darf. Also wer mag, hier:

Positiv ist nun zu berichten, dass seine Wunden (die ohne Splitter) am Oberschenkel verheilt sind mittlerweile. Allerdings ist die größte Verletzung wohl noch immer offen und wund. Nach 3 Wochen aber wohl auch nichts Ungewöhnliches, wenn Splitter in der Wunde sind.

Als behandelnder Arzt wird unter anderem ein Oberstabsarzt erwähnt. Ich hab mich dementsprechend gefragt warum in einem zivilen Kreiskrankenhaus ein militärischer Arzt beschäftigt war. Ihr wisst ja, im Jahr 1944 war der „Totale Krieg“ voll entbrannt. Nahezu alle jüngeren und körperlich fähigen zivilen Ärzte waren zur Wehrmacht eingezogen und an die Fronten geschickt worden.

Oft zu dieser Zeit wurde entweder ein Teilbereich (Flügel oder Stationen) des zivilen Kreiskrankenhauses für militärische Zwecke requiriert oder das gesamte Krankenhaus wurde organisatorisch in das Lazarettwesen eingegliedert. Der Oberstabsarzt war somit als Wehrmachtsarzt dort im Dienst und hatte Zugriff auf die Stationen. Das erklärt warum er ein Kind, also einen Zivilisten, behandelt hat.

Sicher war der Arzt froh dort eingeteilt zu sein und nicht irgendwo an der direkten Front, beziehungsweise an einer der Fronten. Hier hatte er eine höhere Überlebenschance.


In der Nr. 11 (28.11.44) der Postsachen wird das Übliche berichtet, aber auch sehr dramatisches. Ein Frl. Marie ist nun auch im Krankenhaus angekommen und es geht ihr schlecht. Warum sie dort ist, sagt er nicht näher, nur wie sie behandelt wird (mit Spritzen und Tabletten). Und dann schreibt er noch vom Dahinscheiden eines Herr Gnand. Er wurde noch operiert wohl aber ist dann durch Lungenentzündung und Schwäche verstorben.

Es fällt mir schwer zu lesen, wie das kleine Kind beschreibt dass der Mann in seinem Bett auf Räder gestellt wurde und dann in ein extra Zimmer kam um dahinzuscheiden, als klar war, dass nichts mehr zu tun war. All sowas musste er miterleben.

Die OP konnte immer noch nicht stattfinden.

Anschließend erfahren wir noch, dass in einem Bett, seit dem Einzug Toms in den Saal, nun schon die 5. Person einquartiert wurde. Ob die anderen 4 entlassen wurden oder starben, wissen wir nicht. Die aktuelle Person ist nun wohl ein „Gendarm“, wie er es formuliert.

Ein Gendarm (historisch abgeleitet vom französischen Gendarme) bezeichnete im Jahr 1944 in Deutschland einen staatlichen Landpolizisten. Während im Dritten Reich die städtische Polizei als „Schutzpolizei“ organisiert war, war die Gendarmerie für den Dienst in kleineren Städten, Landkreisen und ländlichen Gemeinden zuständig. Ein Gendarm war somit ein uniformierter, regulärer Polizeibeamter vor Ort. Woher seine Verletzung stammte – ebenfalls unbekannt.

Aber abschließend zu der Karte noch eine äußerst spannende Textzeile, wie ich finde:

„Am Sonntag hat mich Frau Sauerländer mit Heinz besucht und schenkten mir ein hochinteressantes Buch, dass „Religion des Islam“ heisst.“

Es könnte sich um dieses gehandelt haben:

Was für eine spannende Lektüre für ein 10/11-jähriges Kind im Nationalsozialismus!!

Für mich kam das jedenfalls absolut unerwartet. 😀


Und mit dieser unerwarteten Lektüre will ich für heute schließen. Sicherlich waren wieder neue Infos und informative Einblicke über ein Kind im Krieg dabei.

Ich hoff es hat euch gefallen, ihr Mäuse. Ein liebes Kommentar ist sehr willkommen!

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Deutsche Digitale Bibliothek (21.11.2025): Stockfisch, Hugo Prof., Personenakte. Unter: www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/TF4RUWGHQSTTUKC53BAR37SWJV42CLI5#item-detail

Madsen, H. (07.12.2021): Kinetor nach Stockfisch. Unter: www.madsen.de/lexikon/kinetor/

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