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2. Teil zu den Briefen und Karten des 10/11-Jährigen – jetzt wird er angeschossen!

Willkommen zurück zum 2.Teil der Briefe und Karten aus dem zweiten Weltkrieg (Ende 1944 bis Anfang 1945) von dem kleinen Tom an seine Eltern. Und nun wird es wieder ungemein spannend!

Bevor wir aber in das weitere tragische Schicksal von Tom schauen will ich euch noch kurz eine andere Dinge berichten, die ich herausgefunden habe.


Die Eltern waren ja im September 1944 aus Stuttgart hinaus gezogen, nach Isny im Allgäu. Wir haben es gemeinsam gelesen, da Tom darüber schrieb, aber auch sehen wir die veränderte Adresse auf den Briefen/Karten.

Etwas skurril empfand ich die Hausnummer 286. Sollte die Straße wirklich so lang sein? Ich kenne kaum solch hohe Hausnummern sonst. Ihr sicher auch nicht!


Bei einer Suche nach der Hausnummer über heutige „Maps“-Apps findet man diese hohe Hausnummer nicht und die Straße ist auch recht klein, also kurz. Niemals können da so hohe Hausnummern zu finden sein. Was ist da los?

Dass man eine so hohe Hausnummer wie die 286 nicht auf der heutigen Karte in der Grabenstraße (oder der gesamten Isnyer Innenstadt) findet, liegt vermutlich an einem historischen Systemwechsel, konnte ich rausfinden: Es handelt sich hierbei um eine alte „Konskriptionsnummer“ (auch Brandkatastor- oder Brandversicherungsnummer genannt).

Historische Zeichnung von Isny.

Denn früher wurden die Häuser in Städten wie Isny komplett anders nummeriert als heute:

Das alte System ist eine fortlaufende Nummerierung aller Häuser in der Stadt. Ab dem späten 18. Jahrhundert wurden Häuser in Isny (und auch manch anderen Städten) nicht straßenweise sortiert, sondern fortlaufend durch die ganze Stadt durchnummeriert. Man fing beispielsweise beim Rathaus mit der Nummer 1 an und zählte dann einfach Haus für Haus weiter durch die Gassen.

Das war damals wichtig für Steuern etc., aber dann merkte man dass das System auch seine Fehler hat, als zum Beispiel neue Häuser gebaut wurden. Welche Nummern vergab man denn nun für diese?

Zur Zeit des Briefwechsels waren die Nummern noch in Verwendung, offensichtlich. Da die Isnyer Altstadt mehrere hundert Gebäude hatte, sind Hausnummern im Bereich von 200, 300 oder höher für historische Briefe völlig normal. Dazu passt also die „286“.

Wie sieht es heute aus mit den Hausnummern?


Das heutige System ist eine sogenannte „Orientierungsnummerierung“, wie ihr sie aus euren Wohnorten kennt. Erst im 20. Jahrhundert (in Isny und Umgebung oft vor rund 100 Jahren) wurde auf das heutige System umgestellt.

Seitdem hat jede Straße eine eigene Nummerierung, die meist mit 1 beginnt und sich in gerade (eine Straßenseite) und ungerade (andere Straßenseite) aufteilt. So kennt ihr es sicher auch aus eurer Gegend. Auch hier stellt sich natürlich die Frage, wie man mit neu gebauten Häusern umgeht, die auf ehemaligen Leerflächen gebaut werden. Aber das soll jetzt nicht von Interesse sein für uns!

Die Grabenstraße selbst ist recht kurz und zählt heute nur noch Gebäude im niedrigen zweistelligen Bereich (etwa von Hausnummer 5 bis 37). Viele Häuser, die bei der neuen Nummerierung 1910 beziffert wurden, gibt es heute nicht mehr. Daher fehlen einige Hausnummern.

Hier seht ihr einen Ausschnitt des „Denkmalpflegerischer Werteplan Gesamtanlage Isny im Allgäu“ (Numberger, 2015), wo ihr die Grabenstraße unter dem blauen „Oberen Grabenweiher“ finden könnt:

Das Gebäude, das in deinen alten Briefen die historische Nummer 286 trug, hat heute eine völlig andere, viel niedrigere Hausnummer, sollte es überhaupt noch stehen.

Wir wissen nicht, welches Haus es genau ist. Ich habe versucht es rauszubekommen, aber hab es nicht leisten können und so das örtliche Archiv angefragt. Oft wollen sie Geld für Auskünfte. – Geld, dass ich nicht habe, denn ich habe noch nie von Leser*innen hier auf dem Blog eine Spende bekommen (am Ende jedes Beitrages frage ich danach) und sollte mir in meiner finanziellen Lage eigentlich nicht mal die Erhaltung dieser Seite leisten. Geld für solche Anfragen sind also definitiv nicht drin!

In einer öffentlich zugänglichen Tabelle namens „Isny Primärkataster 1830“ findet man auf S. 11 unter der Spalte „Primärkataster Parzellennr“ bei der Nummer 286 das hier:

Vorn links ist der heutige Name der Straße, dann die heutige Hausnummer; die „Primärkataster Parzellennr“; dann der Name des Besitzers/Besitzerin 1830; der „Straßenname 1830“ und ganz rechts dann die „Historische Bezeichnung 1830“. – Ich hab es anmarkiert, dass ihr die richtige Zeile sehen könnt.

Dort sehen wir also dass die „Primärkataster Parzellennr“ 286 in der heutigen Rainstraße ist. Das passt aber nicht zu dem, was auf dem Brief steht, nämlich die Grabenstraße. Ein Rätsel!

Ich weiss nicht, wo ich selbst noch aus der Ferne nachschauen sollte. Daher können wir das nicht lösen ohne Hilfe, so scheint es. Mal sehen was das Archiv antwortet. Drückt die Daumen!


Auf Google-Maps sieht man einen Blick in die Grabenstraße, auch wenn die fotografierenden Autos von Google nicht in die Grabenstraße selbst gefahren sind. Ich hab mal einen Screenshot gemacht für euch – ein Foto des Blickes, den wir dort erhaschen können:

Auf dem Foto sieht man auch den schönen Graben mit Begrünung rechts. Die Altstadt mit der Stadtmauer befand/befindet sich dann rechts davon. Hübsch dort! Aber leider zu weit weg für mich, also für einen kleinen Besuch.


Aber zurück zu der Hausnummer:

Bereits 1910 wurde auf das neue System umgestellt, bei dem jede Straße eben von 1 begann zu zählen. Aus historischen Aufzeichnungen und alten Adressbüchern geht hervor, dass der Isnyer Gemeinderat im Zuge einer großen Neuordnung der Stadtverwaltung beschloss, das unübersichtliche System der fortlaufenden Brandkatastor-Nummern endgültig abzuschaffen.

Warum finden wir also die alte Nummern noch auf den Briefen und wie kamen sie trotzdem an?

Isny war 1944 eine kleine, überschaubare Stadt. Selbst wenn jemand „Grabenstraße 286, bei Bold“ auf den Umschlag schrieb, wusste der örtliche Postbote vermutlich ganz genau: „Ah, das ist für Familie Bold im Haus Nummer 5.“ – Die Post kam trotzdem problemlos an. Das sehen wir auch daran, dass die Adresse mit genau dieser Nummer (286) auf allen nachfolgenden Briefstücken der kleinen Sammlung stand. Vielleicht befand sich die alte Nummer auch noch gut sichtbar als historisches Schild am Haus.

Die Karten und Briefe sind damit ein interessantes Zeugnis dafür, wie beharrlich sich alte Gewohnheiten im Alltag der Menschen gehalten haben, selbst 34 Jahre nach der offiziellen Abschaffung des alten Systems! Anders kann ich mir die hohe Nummer nicht erklären, als mit dem alten Bezifferungssystem.

Doch hoff ich aber noch genau klären zu können, wo sich nun das Haus befunden hat und ob es heute noch steht und vielleicht sogar wer „Bold“ war, bei denen die Eltern von Tom unter gekommen waren. Eine Witwe, die sich etwas Geld dazu verdienen wollte mit den Eltern von Tom? Eine Familie, die gezwungen wurden ausgebombte Menschen aus den größeren Städten aufzunehmen? Was haben sie gearbeitet?

Nun bekommen wir entweder Antworten oder es bleibt ein Rätsel.

So viel aber dazu! Ihr wollt ja schließlich noch was aus den Briefen erfahren!


Unser Briefeschreiber Tom ist ja nun in Biberach untergekommen. Zu dieser Unterbringung von Geflüchteten aus den Städten habe ich auch einen Beleg für euch gefunden (Diemer, 2005):

Seit Juli 1944 nahm also Biberach geflüchtete auch aus Stuttgart auf. Das passt ja zu Toms Unterbringung dort. Ihr erinnert euch: die erste Karte ist vom 11.07.1944. Ob er schon zeitiger dort angekommen war oder mit dem in dem Artikel erwähnten Geflüchteten kam, wissen wir nicht. Wir haben ja nur die Karten, die ich erwerben konnte.

Im letzten Beitrag haben wir ja nun schon einiges erfahren von Tom, unter anderem auch, dass sie für die HJ Kriegsdienst unter Androhung von Arbeitslager leisten mussten und dass er in der 5. Klasse war, also 10/11 Jahre alt. Wenn ihr noch nicht habt, lest in den Anderen Artikel erst rein für alle Infos der Karten und Briefe zuvor (Nr. 1-5):


Die nächste Karte vom 12.10. (also Nr. 6)  ist recht krakelig mit Bleistift verfasst, wie hurtig unter Stress hingeschrieben, und enthält sehr Interessantes.

Tom erläutert in dieser:

„Durch Telephonanruf werdet Ihr wohl von meinem Glück bzw. Unglück erfahren haben. Ich bin leicht   Unser Zug nach W. ist von 2 am Jägern beschossen worden. Ich wurde getroffen an den Beinen, aber nicht schlimm. Gegenwärtig liege ich im Krankenhaus. Durch Röntgenaufnahme wurde festgestellt, dass in meinen Beinen noch Splitter sind, aber nicht tief.

Frl. Kösler hat mich 2 x besucht u. will noch heute abend an Euch schreiben. Sobald wie möglich werde gebe ich Euch ausführlicher Nachricht geben. Ihr braucht Euch nicht zu sorgen!

Viele Grüsse Euch u. Tante. Euer Tom“

Wundert euch nicht über die durchgestrichenen Wörter. Ich hab es so abgetippt, wie er es schrieb. Aber zum Inhalt:

Heftig, oder? Hier haben wir einen Beleg über einen Tiefflieger-Angriff auf einen Zug, in dem Tom unterwegs war und verletzt wurde.

Wohin er unterwegs war, wissen wir nicht. Er schreibt selbst nur „nach W.“. Eventuell hatten sie wieder einen Einsatz am Westwall, worüber er früher ja schon schrieb. Die direkte Entfernung (Luftlinie) von Biberach an der Riß bis zum nächstgelegenen Abschnitt des Westwalls (Siegfried-Linie) in der Pfalz / am Oberrhein betrug etwa 125 bis 145 Kilometer, während die Straßenstrecke je nach genauer Route etwa 170 bis 200 Kilometer misst. Also weit weg.

Vielleicht mussten sie auch wieder „Kamillen“ suchen, also Kräuter für Medizin für die Versorgung der Wehrmacht an der Front, und der Ort musste mit dem Zug erreicht werden.

Der genaue Reisegrund ist unbekannt und ich erlaube mir hier nur Vermutungen.

Doch ist es naheliegend dass er wegen einem erzwungenem Kriegseinsatz unterwegs war, denn wer konnte schon privat durch die Gegend reisen mehrfach im Monat zu Kriegszeiten? Und dann waren ja Angriffe auf Züge auch nicht selten zu dieser Zeit, denn Deutschland hatte die Lufthoheit verloren. Kinder waren also in Gefahr in den Zügen und es wurde nur bewilligt, wenn es nötig war oder eine Erlaubnis des Besuches der Eltern vorlag.


Die 3. Option, die mir einfallen würde, ist genau das eben Erwähnte. Es wäre dass er nach dem Besuch bei den Eltern, von Isny nach „W.“ gefahren ist, dann umsteigen wollte, um nach Biberach weiter zu fahren und vor dem Umstieg eben angeschossen wurde.

Da in einem der Briefe, von dem in dem letzten Blog-Beitrag erfahren habt, am Ende ja Toms Urlaubsgesuch genehmigt wurde, wie ihr lesen konntet, war dies also vielleicht einfach die Rückfahrt von den Eltern.

Gucken wir uns doch mal einen möglichen Zeitablauf an:

Am 3.10. schrieb er, dass ein Besuch genehmigt wurde, am 12.10. dass der Zug beschossen wurde. Da sind also 9 Tage dazwischen.

  • Dann ist er vielleicht wenige Tage nach dem 3.10. zu den Eltern, am 6., sagen wir mal (denn er fragte ja am 3. noch nach Infos zur Zugverbindung. Da er die Info brauchte für die Fahrt, musste er sie ja noch zugesandt bekommen bis zur genehmigten Fahrt nach Isny.) Daher ist der 6. als Starttag nicht unwahrscheinlich.
  • Dann eventuell 3-4 Tage zu Besuch;
  • ca. am 9. oder 10.10. Zurück und Zug beschossen;
  • 2-3 Tage erstmal klar kommen im Krankenhaus und Briefpapier/Blanko-Karten und Briefmarken bekommen; dann warten bis jemand die Karte abholt und absendet – macht zeitlich Sinn, dass es so war.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit ist er also auf der Rückreise von den Eltern verletzt worden. Tragisch.


Besuch von Frl. Kösler hat er – laut Karte – schon 2 mal bekommen. Macht also auch dadurch Sinn, dass 2 Tage mindestens vergangen waren seit seiner Aufnahme im Krankenhaus, denn sicher kommt sie nur 1mal pro Tag.

Wir wissen ja nicht, wie er zu den Köslers familiär stand, also ob familiäre oder freundschaftliche Bande seiner Eltern Gründe für seinen Einzug bei ihnen war oder ob er einfach durch die Kinderlandverschickung bei „Köslers“ einquartiert wurde. Auf jeden Fall sehr nett, dass sie ihn nicht nur bei sich aufnahmen, sondern auch im Krankenhaus besuchen nach seiner Verletzung.

Witzig ist auf jeden Fall die Anmerkung „Ihr brauch Euch nicht zu sorgen!!“ mit zwei Ausrufezeichen und unterstrichen von ihm. Natürlich machen sich Eltern Sorgen nach so einer Nachricht! 😀


Während es lange keine Bombardierung auf Biberach gab, Tiefflieger-Beschüsse auf Züge in der Gegend waren keine Seltenheit. Über den Angriff von amerikanischen Jagdflugzeugen auf den D 337 am 24. Juli 1944 hat sich ein Bericht des Biberacher Fahrdienstleiters erhalten:

„Am 24. Juli 1944 zwischen 12 und 13 Uhr wurde der aus Berlin kommende D 337 nach Abfahrt in Biberach bei km 132.5 Richtung Ummendorf (zwischen den Bahnübergängen Bad und Angermühle ) von zwei aus Osten anfliegenden amerikanischen Jagdbombern mit Bordwaffen beschossen.

Der Angriff wurde von beiden Flugzeugen zweimal wiederholt, und das aus niederster Höhe. Beschossen wurde vor allem die Lokomotive, die schon nach den ersten Geschoßgarben so durchlöchert war, daß Wasser und Dampf aus vielen Löchern ausströmte und somit den Zug zum Halten brachte.

Dabei wurde der Lokführer Karl Marx aus Ulm so schwer verwundet, daß er nach Einlieferung in das Kreiskrankenhaus Biberach am 1.August 1944 an diesen Verletzungen verstarb.“

– Gesellschaft für Heimatforschung, 1985

Im neuen Jahr, am 2. April 1945 beschossen Tiefflieger bei Biberach einen Lazarettzug; dabei fanden 13 Verwundete den Tod. (Vgl. Gesellschaft für Heimatforschung, 1985)

Alliierte Jagdflugzeuge vom Typ P-51 Mustang, die Jagd auf militärische und zivile Ziele in Deutschland machten, gehörten am Ende des Zweiten Weltkriegs zu den traumatischen Erfahrungen. (Quelle: picture alliance / akg-images)

Von mehreren Angriffen von Fliegern mit ihren Bordwaffen wissen wir nun. Auf der Seite „www.transtrend.de/franzkarl/wordpress/“ von Franz-Karl Gnant berichtet dieser ebenfalls von den vielen Tieffliegern.

Die kleine Stadt blieb laut ihm bis im April 1945 von Luftangriffen mit Bomben verschont….

„da es militärisch ohne große Bedeutung war. Es beherbergte keine kriegswichtige Industrie. Nach der Landung der Alliierten häuften sich allerdings die Tieffliegerangriffe. Mehrere Male wurde Züge beschossen, wobei einmal ein Lokführer getötet wurde, gelegentlich Passagiere verletzt wurden und Loks und Wagen beschädigt wurden.

Der schwerste Zwischenfall ereignete sich am 2. April 1945. Da beschossen Tiefflieger einen Lazarettzug, wobei 14 Verwundete den Tod fanden.

Die Bevölkerung gewöhnte sich allmählich an den immer häufigeren Luftalarm.

Ein geregelter Unterricht aber war fast nicht mehr möglich. Man konnte die großen Bomberflotten beobachten, die bei den Angriffen auf Augsburg und München die Stadt überflogen. Dabei zählte man über 1300 Flugzeuge.

Gefürchtet waren  aber nach wie vor die Tiefflieger. Ich erinnere mich an eine Erzählung meiner Mutter, dass einmal ein Busfahrer des Linienbusses ins Illertal aus dem Bus stürzte, den Bus aber abschloss und die Passagiere darin sitzen ließ.

Diese standen Todesängste aus.“

Was für ein Bericht der Mutter! Die armen Menschen in dem Bus!

Selbst wenn sie vielleicht Hitler und die Kriegsbestrebungen mit unterstützt hatten, war es eine furchtbare Situation, die man niemandem wünscht.

Von Toms Karten/Briefen haben wir ja von unzähligen Fliegeralarmen erfahren auch. Diese waren aber meist nur Bomber, die auf dem Weg in größere Städte über Biberach flogen, aber keine Bomben abwarfen, wie wir eben auch dem Zitat entnehmen konnten.

Am 12. April 1945 gab es nun allerdings einen richtigen Luft-Angriff auf Biberach. Laut Franz-Karl Gnant (2010) waren 55 Tote und 5 Vermisste zu beklagen; 14 Menschen wurden verletzt. Auch Johannes Riedel bestätigt diese Zahlen in einem Artikel von 2025.

Dieses Foto aus dem Stadtarchiv zeigt die Zerstörungen und auch einen Zwangsarbeiter vorne links, der die harte körperliche Arbeit des Schutt-Beräumens leisten musste:

Foto: Stadtarchiv Biberach, Foto A. Leyensetter

„Ein eindrücklicher Bericht der Gesellschaft für Heimatforschung, der zum 40. Jahrestag des Bombardements 1985 erschienen ist, schildert die Ereignisse in Biberach in den letzten Kriegswochen. Historiker[*innen] sind sich sicher, dass der Angriff auf Biberach kurz vor Kriegsende ein „tragischer Irrtum“ war:

Das eigentliche Ziel der Bomber sei Kempten gewesen, ihr Ausweichziel Kaufbeuren. Wegen des schlechten Wetters über Kempten konnten die Bomberpiloten die Stadt nicht anvisieren.“

– Riedel, 2025

Der Einschätzung von Riedel, dass der Bericht der Gesellschaft „eindrücklich ist, kann ich in der Tat sehr zustimmen, denn die Beobachtungen der Zeitzeug*innen darin sind äußerst spannend!

Obendrein kann man dort auf S. 14 lesen, dass 24 Häuser schwere Schäden erlitten, unter anderem auch zwei in dem Zeppelinring Nr. 2 und 4. – und ihr erinnert euch: Tom lebte am Zeppelinring 63.

Ob er allerdings immer noch im April 1945 dort war, wissen wir nicht. Andere traf es aber leider und sie starben:

„Drei Tage nach dem ersten Luftangriff auf Biberach, am 15. April 1945, wurde die Bauerstochter Luise Bopp vor der Wirtschaft ihrer Eltern im Weiler Burren mitten in einem Waldgebiet durch Geschosse eines Tieffliegers getötet.

Von einem dieser Kampfverbände wurden eines Tages Flugblätter abgeworfen, auf denen in deutscher Sprache zu lesen stand:

„Wir sind die lustigen Acht,
wir schießen auf euch bei Tag und Nacht“.

– alliierter Kampfverband, IN: Gesellschaft für Heimatforschung, 1985

Frau A.G., Jahrgang 1929 erzählte in einem Zeitzeug*innen-Berichten-Sammlungsband von Mathias Graner und Franz Pitzal (2015, S.66), dass sie den Spruch anpassten, nachdem eines der Maschinen abgeschossen wurde:

„Wir sind die lustigen Acht, wir kommen bei Tag und bei Nacht. Einer ist zurück geblieben, jetzt sind wir nur noch sieben.“

Die „lustigen Acht“ attackierten belegtermaßen alles, was sich bewegte: Züge, Militärkolonnen, aber auch Bauern/Bäuer*innen auf den Feldern und Zivilfahrzeuge, was im Großraum Stuttgart bis hin zu Biberach zum Kriegsende im April 1945 zu ständiger Angst und zahlreichen Opfern führte. Eventuell war es ja einer der „lustigen 8“, der auch auf Tom geschossen hatte?!

Nun wurde aber einer von ihnen abgeschossen. Der Pilot konnte sich unverletzt retten. Die Bevölkerung war sehr aufgebracht über das Treiben der „Acht“. Bauern, die gerade auf dem Feld waren, als einer der acht Jagdflugzeuge abgeschossen wurde und runter kam, „nahmen den Piloten mit harten Fäusten in die Zange“. Nach dem Einmarsch sollte dies Folgen für die drei Bauern haben. (vgl. Graner & Pitztal, 2015, S. 66 f.) Welche Folgen genau, können wir dem Zeitzeuginnenbericht aber nicht entnehmen.

Es gab noch mehrere Luftangriffe auf Biberach danach und auch noch einige Tote durch Tiefflieger. Leider traf es auch einen Schüler aus Stuttgart. Bei der Beschießung des Jordanbads fand der aus Stuttgart nach Biberach evakuierte Schüler Paul Ernst den Tod. (vgl. Gesellschaft für Heimatforschung, 1985)

Sicher kannte Tom ihn und war mit ihm Zusammen in Schule und den erzwungenen Kriegs-Einsätzen. Wir wissen zwar nicht wie alt Paul war. Aber gekannt sollten sie sich so oder so haben.

Als ich in dem Artikel von einem toten, evakuierten Schüler aus Stuttgart las, hatte ich kurz ein Stechen im Herzen. Schon verrückt, wie man sich emotional mit Menschen verbinden kann, nur über ihre Briefe. Ich kenn ja Tom schließlich nicht, weiss nicht, was aus ihm wurde, ob er ein netter Mensch wurde; nicht mal, wie er zu den Nazis stand, aber zunächst ist er für mich erstmal ein Kind im Krieg, mit all seinen Sorgen und Gedanken. Und an keiner Stelle des Briefwechsels erkennt man eine nationalsozialistische Einstellung. Immerhin.

Vier Tage nach dem letzten Angriff, am Montag, dem 23. April 1945, war für Biberach der Krieg zu Ende; französische Truppen besetzten die Stadt.

Adolf Hitler beging am 30. April 1945 im Berliner Führerbunker Suizid. Die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht trat am 8. Mai 1945 um 23:01 Uhr mitteleuropäischer Zeit in Kraft. Also starb die Bauerstochter Luise nur 23 Tage vor Kriegsende, die ausversehen stattgefundene Bombardierung Biberachs war ebenfalls kurz vor dem endgültigen Ende des Krieges.

Aber gehen wir in der Zeit wieder einige Monate zurück zu den Briefen und Karten von Tom:


Die letzte Karte (vom 12.10. [Nr. 6]), die mit der Info über die Verletzung durch Fliegerbeschuss, wurde noch adressiert von der Wohnung, in der der Junge vorher wohnte, in Biberach (Zeppelinring 63).

Die Karte danach (Nr. 7) und alle nachfolgenden Briefe wurde dann aus dem Kreiskrankenhaus in Biberach geschrieben, in dem auch viele verwundete Soldaten versorgt wurden.

In dem Brief (Nr.7) wird erwähnt, dass die Eltern bei Tom zum Krankenbesuch waren. Sie haben sich wohl starke Sorgen gemacht und haben dem Sohn direkt im Krankenhaus einen Besuch abgestattet. Da kann man noch so oft: „macht Euch keine Sorgen!“ sagen – man will es doch mit den eigenen Augen sehen, wenn das Kind verletzt ist.

Heute dauert die Strecke mit dem Auto, die die Eltern zu Tom auf sich nahmen, rund 55 Minuten (ca. 62 km über die B465 / A96) und mit der Bahn (je nach Verbindung) knapp 1 Stunde 50 Minuten. Damals waren es wegen kriegsbedingter Ausfälle von Zügen auch mal 3h. Ein Auto hatten Privatpersonen ja selten, also ist eine Zugfahrt naheliegend.

Nun schrieb ich dass sie ihren Sohn „direkt“ besuchten. Aber ich muss doch zugeben, ob es direkt war, ist nicht klar, denn die nächste Karte, die ich besitze, ist vom 20.10.1944. Zwischen dem 12. und dem 20. ist ja nun etwas Luft.

Also entweder haben die Eltern schon noch über eine Woche gebraucht bis in das Krankenhaus zu ihrem Sohn, ODER aber sie waren eine Weile dort in Biberach und kamen den Sohn mehrere Tage besuchen, bis sie wieder abreisen mussten und er dann kurz darauf, am 20.10.1944, die Karte verfasste.

Der Sohn schrieb am 20.10.1944 (Nr. 7):

„Bald nachdem Ihr gegangen waret kam die Visite mit den H. Oberstabsarzt. Er murmelte etwas von Bluterguss im Knie und befahl einer Schw. eine Schiene zu bringen. Mein rechtes Bein ist jetzt etwa so eingebunden wie es auf meiner Skizze zu sehen ist.“

Dann hat er unten ein Bein in einer Schiene gezeichnet, super lustig sieht das aus, bei aller Tragik der Situation.

Aber diese unbeschwerte kindliche Zeichnung, das ist schon was!

Für ihn stellte die angelegte Schiene eine Belastung dar:

„Diese Schiene macht mir das Liegen etwas unbequem, da ich das r. Bein so nicht rühren kann. Gestern früh wurden noch 2 R.-Aufnahmen von meinem r. O.Schenkel gemacht.

Abends war dann erhöhte Luftgefahr und ich wurde mitsamt dem Drahtgestell auf eine Bahre geladen und in den Keller gebracht. Dasselbe wieder holte sich nachts, weil Fliegeralarm war.

Das wäre das Wichtigste.“

Und er schließt den Brief mit den üblichen Grüßen.

Nun muss man sich das mal vorstellen wie dieser kleine ca. 11Jährige Junge mit dieser Schiene um das eine Bein und Splittern in beiden Beiden, auf eine Bahre geladen und wiederholt in den Keller getragen wird. Tja, Krieg halt. Auch heute gab es sicherlich solche Szenen in Palästina oder der Ukraine.

Mit einem Foto der Karte mit der lustigen Zeichnung will ich heute enden. Mehr dann nächsten Sonntag!

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QUELLEN:

Diemer, Kurt (2005): 1945: Ende und Anfang Ende und Anfang : der Krieg kommt nach Oberschwaben. Landkreis Biberach: Geschichte und Kultur ; Bd. 7. 2., überarb. und erw. Aufl., Bad Buchau : Federsee-Verl.

Diemer, Kurt (1985): 1945: Ende und Anfang im Landkreis Biberach. Eine verkürzte Fassung der vom Landkreis herausgegebenen Broschüre „April 1945- Ende und Anfang“. Erschienen in: Zeit und Heimat, 8. Mai 1985, Nr. 1, 28. Jahrgang.

Gesellschaft für Heimatforschung (1985): Biberach April 1945. Unter: https://www.gfh-biberach.de/Hefte/BC-Heimatkundliche-Bl%C3%A4tter-f%C3%BCr-den-Kreis-Biberach/J8S1S06.pdf

Gnant, Franz-Karl ( 27. 12. 2010): Der 12. April 1945 in Biberach. Unter: https://www.transtrend.de/franzkarl/wordpress/?p=361

Graner, M. & Pitztal, F. (2015): 1945 – 2015 – 70 Jahre Kriegsende in Renningen und Malmsheim – Zeitzeugen erinnern sich. Stadtarchiv Renningen.

Isny Primärkataster 1830. Unter: https://tramino.s3.amazonaws.com/s/isny/921883/werteplan-gesamtanlage-innenstadt-isny-allgaeu-primaerkataster-1830-stand-8-2015.pdf?changed1550776979

Mägerle, G. (27.04.2022): Vom einstigen Bezirkskrankenhaus bleibt nur ein Haufen Schutt übrig. Unter: https://www.schwaebische.de/regional/biberach/biberach/vom-bezirkskrankenhaus-bleibt-nur-ein-haufen-schutt-38586

Numberger, Markus (06.08.2015): Grabenstraße 5. IM: DENKMALPFLEGERISCHER WERTEPLAN – GESAMTANLAGE ISNY IM ALLGÄU. Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart. Seite 89.

Riedel, Johannes (12.4.2025): Bombenangriff vor 80 Jahren tötete dutzende Menschen in Biberach. Unter: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/friedrichshafen/biberach-bombenangriff-1945-zweiter-weltkrieg-innenstadt-bombardierung-fliegerbomben-innenstadt-100.html

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