✉ Briefe

„…durch Kopfschuss gefallen“ – Todesbenachrichtigung von der Front

Inhalts-Warnung für sensible oder traumatisierte Menschen – folgende Themen finden Erwähnung:

Krieg, 2. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Gefallen im Krieg, Tod, Todesbenachrichtigungen, SS, NSADAP, Nahrungsmittelknappheit, Verlust eines Geliebten

Kurz vor Weihnachten geht Karl Naumann, der Bürgermeister von Döbeln, mit gesenktem Kopf und einem Brief in den Händen eine Straße lang. Es geht heute zur Familie Thieme. Über ein halbes Jahr hatten sie nichts von ihrem Sohn gehört und schon das Schlimmste erwartet, aber Hoffnung war noch da. Doch als es klingelt und die Tür sich öffnet, lesen sie es bereits an der bedrückten Miene des Bürgermeisters ab – ihr Sohn ist nicht mehr – er ist tot und so würden sie es erfahren.

Sie öffnen den Brief und lesen….

Im Felde, am 29. 5. 1942.

Werter Herr Thieme !

Als ich jetzt nach Ausheilung meiner im Herbst erhaltenen Verwundung meine Kompagnie wieder übernahm, war ich über das Schicksal mancher nicht mehr vorhandener Kompagnie- Angehöriger erschüttert. Über jeden Einzelnen zog ich meine Erkundungen ein und beantwortete gern die Schreiben der Hinterbliebenen. Mit jedem fühle ich den Schmerz und verstehe die tiefe Trauer. Die Winterkämpfe waren hart und schwer und forderten viel Opfer. Immer noch ist das Schicksal mancher tapferen Kameraden ungeklärt. Aber die Opfer waren nicht umsonst. An der deutschen Front prallte der Massensturm der Russen ab und heute kann es wohl gesagt werden, dass die Härte des Infanteristen zu denen damals alle Waffengattungen zählten, den Winterkrieg gebrochen hat. Alle, die Blut und Leben opferten, sind die Träger des Sieges. Die Angehörigen dieser Tapferen können mit Würde die Nachricht vom Heldentod der Krieger Ihrigen hinnehmen und mit stolzer Trauer daran denken. Es waren die Besten, die ihr Höchstes gaben.

Ihr Sohn war allen Kameraden ein Vorbild im Leben, Kämpfen und Sterben. Die Komp. wird ihn nie vergessen. Sein Name gehört mit den vielen anderen Gebliebenen zu dem Ruhmesblatt der Kompagnie. Ich bin stolz, der Chef solcher tapferer Jungen zu sein.

Mitte Dezember hatte die Kompagnie ostwärts von Russa, 80 km vor Moskau an den Kämpfen zur Bereinigung der Front teilgenommen. Ihr Sohn, der Gefreite Hellmuth Thieme gehörte in diesen Tagen als Melder zum Batl. Stab. Nach genauer und eingehender Erkundung, da ich infolge Verwundung nicht mehr bei der Komp. war, ist Ihr Sohn am 16. 12. 41 bei Woronzowa, ostwärts Russa, durch Kopfschuss gefallen. Der Batl. Stab lag vom 16. zum 17. 12. 41 in einem Haus des Ortes, der bis zum Morgen gehalten werden sollte. Ihr Sohn stand kurz vor Räumung des Ortes mit allen Angehörigen des Stabes in einem Raum, am offen gelegen, als ein Geschoss die Balken durchschlug und den Gefr. Thieme tödlich traf. Ohne noch einen Laut von sich zu geben, sank er in sich zusammen. Ärztliche Hilfe war vergebens. Die Kameraden betteten ihn neben anderen Gefallenen in einem Schneegraben und schmückten sein Grab mit Stahlhelm und eilig geholten Nadelgrün. Die Kürze der Zeit und Schwere der Gefechtslage liessen es nicht zu, seine Hinterlassenschaften abzunehmen. Vielleicht hatte auch niemand daran gedacht. Sie wurden ihm jedenfalls belassen.

Es ist nicht schön, was ich Ihnen mitteile, bitte Sie jedoch, mit Rücksicht auf die ungeheure Härte des Winterkrieges und des unvorstellbaren Frostes diese Kunde mit Würde hinzunehmen. Auch die jetzt erst zukommende Nachricht wollen Sie durch öfteren Wechsel der Komp. Führung entschuldigen. Ich bin jedenfalls bemüht, die Schicksale jedes Einzelnen zu klären, da ich den Schmerz aller Trauernden tiefst empfinde.

Zu weiteren nötigen Aufklärungen gern bereit, bin ich mit
tiefer Teilnahme

W. Tautorius
Oblt. u. Komp. Chef, F. P. Nr 11 908 B

Nun musste die Familie neben den Kriegsentbehrungen, unter denen viele in dieser Zeit litten, auch Trauer verarbeiten. Millionenfach gab es diese Briefe aus den Kriegsgebieten an die Familien Zuhause über das Ableben eines Lieben. Viele dieser Schriftstücke gibt es auch noch heut. Sie befanden sich im Besitz nahezu jeder deutschen Familie, so viele von ihnen hatten Verwandte verloren und sollten doch wenigstens eine Info bekommen, was passiert war.

Doch schwindet der Bestand dieser historischen Papiere durch Todesfälle und Haushaltsauflösungen. Viele Verwandte können alten Dokumenten, Briefen und Fotografien nichts abgewinnen und werfen alles an Hausrat, was kein Geld bringt, einfach weg, wenn ein Mensch gestorben ist.

Auch Sammler*innen gibt es nicht sonderlich viele, die sie bewahren. Ist ja auch ein wenig morbide solche Todesinformationen und dann handeln sie noch von Kämpfern für den Nationalsozialismus, Wehrmacht und SS – Menschen die für und „Dank“ Hitler und seinen Ideen in den Krieg gingen und so viel Leid verursachten. Es ist also nachvollziehbar, dass Hinterlassenschaften von Wehrmacht und Co. nicht allzu viele Menschen etwas abgewinnen können.

So gehen diese Papiere, wie viele andere auch, für immer verloren, dabei sind auch diese Briefe historische Dokumente.

Ich, ganz persönlich, sehe es als meine Aufgabe Menschen, Tieren und Umwelt zu helfen in dieser Welt – mich für sie einzusetzen, aber auch Dinge zu bewahren, so lange wie mein Leben eben geht – hoffend, dass es danach jemand weiter führt.


Wie waren solche Briefe üblicherweise gestaltet? Ist dieser ein klassisches Beispiel, wie sie ausgesehen haben?

Ich hab mehrere von ihnen – nicht dass ich sie explizit gesucht und angekauft habe, aber doch haben sie sich über die Jahre Briefe sammeln halt bei mir eingefunden. Demnach verfüge ich zumindest über einen kleinen Überblick, die Aufmachung und den Umfang dieser Todesbenachrichtgungen aus dem Krieg betreffend. Und kann euch sagen: Sie sind wirklich sehr, sehr unterschiedlich!!

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., die sich der Aufgabe widmen Kriegstote im Ausland zu suchen und zu bergen, sie würdig zu bestatten und ihre Gräber zu pflegen, schreibt dazu:


„Umfang und Aussagewert der Todesbenachrichtigungen schwanken erheblich. Dabei ist der Entstehungskontext zu berücksichtigen: Es macht einen Unterschied, ob ein Kompaniechef der Infanterie auf dem russischen Kriegsschauplatz bei strengem Frost im Unterstand dutzende dieser Nachrichten verfassen muss, oder ob bei Luftwaffen- oder Marinedienststellen selbst in angespannten Lagen offensichtlich viel mehr Zeit darauf verwendet werden konnte.“

– Reitz, 2024

Hier in unserem Beispiel-Brief haben wir also einen Oberleutnant, der tatsächlich in Russland mitten an der Front solche Briefe schrieb. Und wie er anklingen ließ in Zeile 2-4, wo er berichtete dass er erschüttert war „über das Schicksal mancher nicht mehr vorhandener Kompagnie-Angehöriger“, schrieb er auch nicht nur einen, sondern mehrere Todesnachrichten.

Er kam aus eigener Verwundung zurück und hatte diese traurige Aufgabe Eltern mitzuteilen, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Und das mehreren Eltern, Kindern, Ehefrauen und Freund*innen. Sicherlich keine schöne Verantwortlichkeit. Aber so war es im Krieg und wir sollten ja auch nicht vergessen, wer den Krieg angefangen hat!

Doch aber sind solche Sachen nie Schwarz/Weiß – man kann sich politisch gegen den Nationalsozialismus stellen und TROTZDEM Mitleid mit Eltern haben, die sicher am Boden zerstört waren nach solch einer Nachricht. Zumindest handhabe ich es so: politisch UND empathisch sein.

Kommen wir zurück zu dem Brief an sich.


Welchen Zweck hatten solche Briefe?

Mehrere tatsächlich. Einerseits waren sie eine offizielle Todesbenachrichtigung: Militärische Vorgesetzte schrieben diese Briefe, um den Angehörigen den Tod ihres Sohnes mitzuteilen, oft mit Sätzen wie „Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen…“. Die Meldungen über Verluste waren organisiert, in einer systematischen Weise. Sie erfolgten über verschiedene Wege, so über die jeweilige Kompanie, die Truppenärzte oder auf dem Sanitätsdienstweg. Denn natürlich starben Soldaten auch in Lazaretten etc. und dann oblag es den dort Beschäftigten die Informationen an die Familie zu senden.

Schlimm war es sicher, aber so erfuhr man also wenigstens, was dem Kind passiert war. Viele hatten nicht mal das, wenn ihre Kinder zum Beispiel verschollen waren in den Kriegswirren, was ja auch oft passierte, auch heute noch passiert in Ukraine und anderen Kriegsgebieten. Dann schwankten die Abgehörigen der Soldaten Jahre, Jahrzehnte oder ihr ganzes Leben zwischen trauern und doch noch irgendwie ein Funken Hoffnung. Auch wenn es traurig ist, ist es manchmal vermutlich besser eine klare Info zu haben und trauern zu können. Daher waren diese Briefe ein Abschluss, sie waren Klarheit.

Auch gab es abgesehen von ihnen kaum Informationswege darüber, was mit den Kindern oder Ehemännern passiert ist. In diesen Fällen kam dann einfach keine Feldpost mehr aus den Kriegsgebieten – die Lieben warteten auf Antwort, die nie kam. Die erreichten das Zuhause der Familie des Soldaten vorher vielleicht jede Woche, dann nicht mehr und die Sorge stieg an.

Lasst mich noch von einer weniger schönen Art und Weise erzählen, wie Familien erfuhren, was ihren Söhnen/Männern passiert ist.

Nicht nur die Familie bekam, beziehungsweise erwartete Post. Diese Briefe gingen natürlich in beide Richtungen. Auch die Familie schrieb vom Alltag, oft auch hier beschönend zu den Lebensumständen, zu den Soldaten. Sie wollten nicht Sorgen auslösen, auch wenn sie durchaus oft von Bombardierungen und auch mal von Essensmangel geplagt waren.

Doch was hat das mit Todesbenachrichtigungen zu tun? Ich will es euch sagen! Manchmal sendeten Verwandte im Rahmen dieses Austausches Briefe an die Front, an „ihren“ Soldaten, und sie kamen zurück mit der Info „vermisst“ oder ähnliche Formulierungen. Manchmal stand sogar eiskalt auf dem Brief, dass der Mann oder der Sohn gefallen ist. Hier seht ihr ein Beispiel:

In Rot steht da: „Zurück an Absender – Empfänger gefallen für Großdeutschland – eine übliche Formulierung, die wohl ein wenig Trost spenden sollte, denn das Kind ist ja nicht umsonst gestorben, sondern für die „gute Sache“. Wie viel Trost und /oder Stolz das tatsächlich auslöste, wissen wir nicht. (Quelle Bild: museum-digital)

Diese Art der Information, die über kleine Notizen auf Feldpostbriefen, gab es also auch.

Ich besitze auch solche, manchmal komplett ungeöffnet. Die Familien schrieben an die Soldaten, die Briefe kamen zurück und wurden ungeöffnet in eine Schublade oder ähnliches getan, ohne dass je jemand den Inhalt las. Eventuell kann ich mal einen davon live öffnen. Wäre sicher spannend! Aber sicher sind wir uns einig, dass den Menschen das Herz stehen blieb, wenn sie ihren eigenen Brief zurück bekamen und dann nochmal mehr, wenn sie sowas lasen.

Da sind dann die umfangreicheren, geschriebenen Infos in Form der Todesnachricht „aus dem Felde“ eines Vorgesetzten sicher die für die Angehörigen die bessere und menschlichere Variante.


Darüber hinaus gaben sie auch detaillierte(re) Berichte über das Ableben zum Teil. Denn manche Briefe enthielten detaillierte Gefechtsberichte, wie beispielsweise der Brief eines Staffelkapitäns über den „Fliegertod“ eines Unteroffiziers, der den Eltern eine Vorstellung vom Geschehen gab.

Oder eben den Brief, den wir hier vorliegen haben, wo der Sohn durch Kopfschuss umkam. Warum da nicht ein wenig über das Ableben beschönigt wurde, wundert mich immer wieder. Aber die Berichte sind oft sehr direkt und offen geschrieben. Nicht selten wurde wenigstens davon geschrieben, dass der Tot schnell und ohne Leiden war, ob das der Realität entsprach, kann angezweifelt werden.

Hellmuth Thieme soll ja angeblich auch ohne weiteres Geräusch zusammengefallen und direkt Tot gewesen sein. Wir wundern uns also über die harte Formulierung des Kopfschusses, aber für das tatsächliche Kriegsgeschehen, war es die nettere Beschreibung.

Darüber schrieb auch der Volksbund (vgl. Reitz, 2024):

 „Fast nie geht es um eine realistisch-drastische Darstellung des Sterbens. Zumeist ist von „Kopfschuss“ oder „Volltreffer“ die Rede, dem ein schneller, oft „schmerzloser“, Tod gefolgt sei.“

Was anderes, also Schlimmeres, wollten die Verwandten vermutlich auch nicht lesen. Oder wer mag dort eine grausame Wahrheit, im Detail, hören?

Auch lesen wir oft über den Verbleib des Leichnams, so wie auch hier. Auch sicher nicht ohne Grund wurde betont, dass es zwar nur ein Schneegrab war, aber doch mit Nadelgrün und Helm geschmückt wurde und das eben trotz andauerndem Kriegsgeschehen. So war es üblich – die Regel zum Inhalt war: es handelte sich um eine wichtige Gefechtshandlung, schneller Tod, guter Kamerad, würdiges Begräbnis und das fortwirkende Andenken in der Truppe.

Das betrifft genauso auch sogenannte Kameradenbriefe, die also auch über das Versterben ihrer Mit-Kämpfenden berichteten, damit die Familien etwas erfuhren. Ob es in diesen Fällen besonders durch Soldaten gemacht wurde, wenn der Vorgesetzte dieser Pflicht nicht nachkam, ist mir nicht bekannt. Aber auch in meiner Sammlung sind Briefe von Kameraden UND von Vorgesetzten. Die von anderen Soldaten konnten in der Zensur verändert oder zurückgehalten werden, wenn sie sich nicht an die Vorgaben hielten.


Zusammenfassend zum Inhalt

Zusammenfassen kann man also sagen: diese Benachrichtigungen waren oft das einzige Dokument, was Familienmitglieder über den Verbleib der Männer, Söhne etc. hatten und auch, was ihnen (mehr oder minder genau) passiert ist. Neben also der Funktion als offizielles Todesdokument, als Info über das Ableben an sich und den Verbleib des Toten (Beschreibung der Todesumstände, Orte und Grablegung), hatten sie auch eine gewisse Trostfunktion. Daher wurde eben auch immer von „Heldentot“ oder „gestorben für Großdeutschland“ geschrieben. Man könnte es „Suche nach dem Sinn“ nennen.

Dass die Angehörigen eben einen „starken, stolzen Sohn/Vater/Ehemann/Soldaten“ hatten, der durch Kriegsumstände starb, aber eben eine wichtige Aufgabe erfüllt hatte, das wurde dann betont in klassischem nationalsozialistischen Sprachgebrauch. So wird es ja auch in unserem Brief gemacht. Hier steht ja ebenfalls was von „Heldentot“ und „es waren die Besten, die ihr Höchstes gaben“. Besonders auch das Hervorheben der wichtigen Aufgabe, die erfüllt wurde, den „Winterkrieg gebrochen zu haben“ durch die „Härte der Infanteristen“. Bis hier her erfüllt dieser Brief also alle klassischen Inhalte.

Das verwundert auch nicht, denn hier gab es Vorgaben.

Die Kompanie- usw. Führer waren in der Form der Benachrichtigung der Angehörigen gefallener, verstorbener oder vermisster deutscher Soldaten an bestimmte Vorgaben gebunden.

Der Wortlaut der Benachrichtigung wurde in einem Musterschreiben vorgegeben, das in Zeiten starker Verluste auch formularmäßig angewendet werden durfte.“

– Deutsche Dienststelle (WASt), 2014, S. 17.


Abschließend hinterlässt der Vorgesetzte W. Tauterius in unserem Brief noch seine Daten inkl. Feldpostnummer und erklärt sich bereit für weitere Infos offen zu sein. Das ist ein sehr netter Teil, den ich noch nicht oft gelesen habe. Auch dieser umfangreiche Brief zeugt von echter Anteilnahme, sicherlich hätte er mitten an der Font in Russland viel anderes zu tun auch.

Man sieht zwar, dass um Papier zu sparen, der Zeilenabstand verringert wurde beim Schreiben und Schreibfehler sind auch zu finden (was man als pietätlos empfinden könnte, wenn es um den Tot eines Lieben geht), aber doch den Umfang des Briefes bedenkend, sieht man dass er sich tatsächlich Mühe gegeben hat.


Vorgesetzter und Kompagnie

Tauterius oder Tauterus, da das „i“ durchgestrichen ist, der Absender, war Oberleutnant und Kompaniechef, wie er selber unten notierte.

Ein Oberleutnant in der Wehrmacht war ein Offiziersrang, der über dem Leutnant und unter dem Hauptmann stand, der höchste Rang innerhalb der Leutnante, vergleichbar dem heutigen Dienstgrad in der Bundeswehr, mit spezifischen Schulterstücken (zwei Schwingen) und Entsprechung bei Marine (Oberleutnant zur See) und NS-Organisationen wie SS-Obersturmführer. 

Eine Kompanie in der Wehrmacht war eine variable Einheit, aber im Allgemeinen umfasste eine Infanteriekompanie etwa 150 bis 250 Soldaten. So viele hatte er also unter sich. Wer weiß schon wie viele davon umkamen.

Die Feldpostnummer deutet auf das Stab I. Bataillon Infanterie-Regiment 475.

Feldpostnummer 11908

ZeitraumDatumZusätzeEintrag
UStab I. Bataillon Infanterie-Regiment 475
2A – EStab I. Bataillon und 1. bis 4. Kompanie Infanterie-Regiment 475
93. Januar 1944A – EStab I. Bataillon und 1. bis 4. Kompanie Grenadier-Regiment 475
104. April 1944A – EStab und 1. bis 4. Kompanie Regimentsgruppe 677

Auf der Seite  www.lexikon-der-wehrmacht.de  steht zu dem Regiment:

„Das Bataillon wurde am 26. August 1939 in Döbeln, Wehrkreis IV, aufgestellt.  (…) Am 15. September 1942 wurde das Bataillon in ein Infanterie-Ersatz-Bataillon 475 und ein Reserve-Infanterie-Bataillon 475 geteilt. (…)  Die beiden Bataillone wurden am 2. November 1942 zum Grenadier-Ersatz-Bataillon 475 bzw. Reserve-Grenadier-Bataillon 475 umbenannt. Das Reserve-Bataillon wurde im Dezember 1943 zur Auffrischung der 275. Infanterie-Division verwendet.

Das Reserve-Bataillon wurde am 5. März 1944 endgültig aufgelöst. Das Ersatz-Bataillon wurde am 31. Mai 1944 aufgelöst.“


Ich weiß nicht wie verlässlich diese Seite ist, aber wenn wir von der Verlässlichkeit mal ausgehen für jetzt, dann hat das Bataillon noch 2 Jahre weiter existiert und war dann Geschichte. Spannend aber, dass es aus Döbeln kam. Das ist ja hier nicht weit von mir entfernt, ich hatte früher Freund*innen, sogar meine beste Freundin und sogar mal einen Partner da. War also öfter in Döbeln. Eventuell war also sogar Hellmuth Thieme, beziehungsweise die ganze Familie, aus Döbeln – vermutlich sind wir durch die gleichen Straßen gelaufen – nur eben Jahrzehnte versetzt.

Da wir keinen Briefumschlag haben, kann es nicht sicher gesagt werden. Aber vielleicht kann uns das Archiv in Döbeln was dazu sagen. Ich habe sie angefragt.

Was kann sonst noch erfahren werden aus solchen Briefen?

„Rückschlüsse auf Persönlichkeit und politische Haltung der Verfasser erlauben verschiedene Indikatoren 

– zum Beispiel religiöse Trostformeln von Vorgesetzten oder der Verzicht auf „Heil Hitler!“ am Ende eines Briefes.“

– Reitz, 2024

Auch sowas können wir also herauslesen, nicht aber in unserem Fall.

Wer überbrachte die Briefe? Ein Postbote/Postbot*in? Ein Geistlicher?

In der Einleitung ging ich ja einem Gedankenspiel nach, in dem es der Bürgermeister war der den Brief übergab. Im Falle des Todes eines Wehrmachtsangehörigen hatten diese Menschen diese Aufgabe inne: der Bürgermeister, der NSDAP-Ortsgruppenleiter oder der Pfarrer war Überbringer jener letzten Botschaften aus dem Felde. Kaum in Worte zu fassen sind das Leid und der Schmerz, den diese Zeilen bei den Adressat*innen ausgelöst haben werden. Gut also, dass sie meist jemand persönlich übergab. Immerhin das.

„Eine Änderung der direkten Benachrichtigung der nächsten Angehörigen über das Schicksal der gefallenen, verstorbenen oder vermissten Wehrmachtsangehörigen … trat im Juni 1942 in Kraft.

Nach ausdrücklichem Wunsch Hitlers musste nunmehr die erste Benachrichtigung vom Tode oder Vermisstsein eines Wehrmachtsangehörigen den Familienmitgliedern durch Hoheitsträgern der NSDAP überbracht werden. …

Der Ortsgruppenleiter bzw. dessen Beauftragter waren verpflichtet, den Extra-Umschlag der Einheitsführer den Familienangehörigen persönlich zu übergeben.“

– Deutsche Dienststelle (WASt), 2014, S. 16f.

Kurz bevor diese neue Regelung in Kraft trat, bekam Familie Thiele die Info. Hier war es also eventuell wirklich der Bürgermeister noch. Aber auch ein Kirchlicher wäre vorstellbar. Und sie hatten gut zu tun:

„Die Menschenverluste im Zweiten Weltkrieg waren enorm. Die Deutsche Dienststelle in Berlin beschreibt 4,3 Millionen (!) beurkundete Wehrmachtssterbefälle (einschließlich Österreicher) und  Vermisste, mit deren Tod sicher zu rechnen ist.“

Plogmann, 2015

Für heute möchte ich damit schließen. Ich hoff ihr habt wieder was gelernt und dass der Beitrag euch gefallen hat.

EURE BEWAHRERIN


Hat Euch der Beitrag gefallen, dann gebt mir gern einen Kaffee aus für meine Arbeit:

buymeacoffee.com/melriot


QUELLEN:

Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht (WASt) bei der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales (Hg.) (2014): Arbeitsbericht 2011/2012/2013, Berlin.

Plogmann, S. (2015): Todesnachrichten. Abgerufen unter: https://www.haller-zeitraeume.de/exponate/todesnachrichten

Reitz, D. (2024): „Ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen …“Volksbund-Projekt „Todesbenachrichtigungen“: Dr. Dirk Reitz zum aktuellen Stand – Sammlungsphase abgeschlossen. Abgerufen unter: https://www.volksbund.de/nachrichten/ich-habe-die-traurige-pflicht-ihnen-mitzuteilen

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert