✉ Briefe

Was tun mit unverbesserlichen, fanatischen Nazis nach Gefangennahme? – ein „Prisoner of War“-Brief

Inhalts-Warnung für sensible oder traumatisierte Menschen – folgende Themen finden Erwähnung:

Krieg, 2. Weltkrieg, Nationalsozialismus, Gauleiter, NSADAP, Gauleiter, Bombardierungen, Selbstmord, vorgetäuschter Selbstmord, Gefangennahme, Kriegsgefangenschaft

Ein Soldat der deutschen Wehrmacht wurde gefangen genommen und in die U.S.A., in eine Gefangenenlager – „Prisoner of war-camp“, gebracht. Nun begann für ihn ein Prozess des Umlernens und eine Phase harter Arbeit. Doch trotz der Arbeit wurden sie ganz gut behandelt – wurden ordentlich versorgt, anders als zum Beispiel in sowjetischer Gefangenschaft, wo noch unzählige starben in den Jahren nach dem Ende des Krieges. Hier in den U.S.A bekamen sie nun Essen, Rauchwaren, Bildung, Kleidung, etc.; sie konnten Briefe schreiben, Sport machen und nutzten kulturelle Angebote.

Viele der Gefangenen reflektierten jetzt auch kritisch über den Krieg.

Aber nicht alle, manche waren unverbesserliche und überzeugte Nazis, mit keinerlei Schuldempfinden oder Reue. Was macht man nur mit solchen?

Ihre Macht über Andere, ebenso wie ihr Einfluss und ihre unerbittliche Überzeugung brachte andere Gefangene in Gefahr. Sie sollten ja reflektieren und Adolf Hitler/den führenden Nazis und dem Nationalsozialismus abschwören im besten Fall; sie sollten für den durch sie angefangenen Krieg „Sühne leisten“, wenn man so will im religiösen Sprech; sollten ihre Schuld einsehen und umdenken. Diejenigen, die also die Entwicklung der anderen bedrohten oder verhinderten, die „überzeugten Nazi-Ideologen“ („hardened Nazi ideologues“, wie sie im Englischen genannt wurden), kamen in ganz besondere Lager, damit diese die übrigen Gefangenen nicht unter Druck setzen, bestrafen oder aufstacheln konnten.

Das „Prisoner of war-camp ALVA” war ein solches. Es existierten also damals klassische „Pow-Camps“ – Kriegsgefangenenlager und eben „Nazi-Camps“ – Nazi-Lager.

“Camp Alva in Oklahoma erlangte Berühmtheit dafür, fanatische Nazis zu beherbergen.“

– Thompson, 2010, S. 67 (eigene Übersetzung)

Viele in diesen „Nazi-Camps“ waren aus der SS. Doch tatsächlich endeten dort die unterschiedlichsten Gefangenen. Hier könnt ihr es nachlesen:

„Das Camp Alva, das eigentlich nur Nazis aufnehmen sollte, wurde zu einem Auffanglager. Lagerkommandanten schickten so viele ihrer problematischen Kriegsgefangenen wie möglich nach Alva.

Kriegsgefangene, die kleinere Probleme verursachten, die Arbeit verweigerten oder einen Befehl missachteten, sowie andere Fälle von Unruhestiftern füllten, zusammen mit den fanatischen Nazis, rasch den begrenzten verfügbaren Raum.“

– Thompson, 2010, S. 67 (eigene Übersetzung)

Wir haben hier heute zwei Briefe aus genau diesem „Camp ALVA“. Es verspricht also spannend zu werden!

Warum war wohl der Absender dort, ist die Frage. War er ein unverbesserlicher, überzeugter Nationalsozialist oder ein „Störenfried“? Vielleicht können wir dem Inhalt etwas entnehmen dazu:


Erstmal zu den Hard-Facts: Es sind 2 Briefe – beide aus 1945, einer im Februar (vor Kriegsende) und einer im Juni (nach Kriegsende). Einer der Briefe, der zeitigere, ist teilweise geschwärzt worden, also zensiert. Das ist natürlich sehr spannend, da es Fragen aufwirft.

Aber schauen wir mal rein, ob wir etwas zu der Gesinnung des Schreibenden herausfinden können und somit auch warum er in diesem so speziellen Camp gelandet war:

„Hier beginnt es Frühling zu werden. Doch wann wird der Frühling in die Herzen der Menschheit einziehen
u. an die Stelle des sinnlosen Hasses endlich die Verständigung gemeinsamer Arbeit treten?“

– Ausschnitt aus dem 2. Brief von Johannes Brennecke, Prisoner of war

Wir können im Brief nachlesen, dass er die Gründe für den Krieg in Frage stellt, so könnte man es lesen. So sagt er ja es sei alles „Hass“ und er will ihn nicht mehr; wünscht sich stattdessen „Verständigung“. Aber damit war es noch nicht genug:

„Hoffentlich wird dieses der letzte große Krieg gewesen sein; dann hätten die Opfer einen Sinn gehabt.“

– Ausschnitt aus dem 2. Brief von Johannes Brennecke, Prisoner of war

Das ist eine mutige Aussage, denn sollte es einen weiteren Krieg gäben, heisst es ja, dass die Soldaten des 2. Weltkrieges laut ihm „umsonst gestorben“ sind. Dabei versuchte die deutsche Propaganda ja die Kriegstoten als Helden zu deklarieren. Sie seien „für Großdeutschland“ gestorben. Er sieht es anders. – In Deutschland wäre er für diese Aussagen (zumindest während des noch andauernden Krieges) angezeigt worden für „Wehrkraftzersetzung“.

Wehrkraftzersetzung“ war ein strafrechtlicher Begriff der NS-Zeit (§ 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung von 1938), der vage Handlungen wie Kritik am Krieg, Verweigerung des Gehorsams, Fahnenflucht oder Selbstverletzung zusammenfasste, die die Kampfmoral schwächen sollten und oft mit dem Tod bestraft wurden. 

Hier traut er sich sowas zu schreiben, dabei war der Krieg ja kaum vorbei, als er den Brief sendete (Juni 1945). Es lässt sich auch rauslesen, dass er nicht wusste, dass der Krieg vorbei ist. Denn er schreibt ja von den Sorgen über die Bomben, die auf seine Frau niedergehen könnten. Damit war ja dann April 1945 mit Kriegsende Schluss. Aber egal wie, ob er nun wusste der Krieg dauert an oder nicht, diese Ausschnitte aus dem Brief klingen nicht sehr nationalsozialistisch, beziehungsweise kriegsverherrlichend.

Dementsprechend können wir aber was die fanatischen Nazis angeht, uns Captain Alexander Lakes anschließen, der auch feststellte, dass die Gefangenen in diesem Camp nicht ausschließlich „Überzeugte“ waren.

„Captain Alexander Lakes, der Alva am 25. April 1945 untersuchte, stellte fest, dass „viele der Kriegsgefangenen in diesem Lager nicht als subversive oder fanatische Nazis betrachtet werden können“.

– Thompson, 2010, S. 67 (eigene Übersetzung)

Johannes Brennecke gehörte also scheinbar nicht zu dieser Gruppe der Fanatischen, oder „nicht mehr“ – das kann natürlich auch sein. Manche haben ja umgedacht während oder nach dem Krieg, manche eben genau in Kriegsgefangenschaft, als sie auf die trafen, die sie hassen sollten – die Amerikaner, vielleicht sogar People of Color, also Menschen unterschiedlichster Hautfarbe. Sicherlich dachten auch manche um nachdem sie gut behandelt wurden, besser als sie es mit Gefangenen der Alliierten gemacht hatten über die Jahre, die massenhaft in KZs und Gefangenenlagern umgebracht wurden, an denen grausame, mörderische Tests durchgeführt wurden oder die schlichtweg verhungerten.

Eventuell kam dann dem einen oder anderen Nazi der Gedanke: „Are we the baddies?“ (Filmbezug/Meme).

Der Briefeschreiber hätte eigentlich in ein anderes Gefangenenlager, in ein normales, kein „Nazicamp“, verlegt werden müssen, in diesem Fall, wenn er also ein „Geläuterter“ war. Denn solche, die als nicht „unverbesserlich“ oder überzeugte Anhänger des Nationalsozialismus eingestuft wurden, sollten nicht mit den fanatischen Nazis in einem Lager sein. Wie ich bereits ausgeführt hatte, waren sie in Gefahr: Gefahr beeinflusst zu werden, aber auch in Gefahr dass ihnen was angetan wurde von den eigenen ehemaligen „Kameraden“. Davon erfahrt ihr gleich noch mehr.


Nun war Johannes B., der Briefeschreiber, zum Zeitpunkt der Briefe noch hier. Und das am Ende auch eine Weile, denn zwischen Februar und Juni sind ja einige Monate. Vermutlich äusserte er sich nicht vor den anderen Inhaftierten kriegs-kritisch, hielt den Kopf unten wie man sagt; duckte sich und saß die Zeit ab, von seiner Frau und einer besseren Zukunft träumend.

Entweder wurde er später dann noch verlagert, nach einer Abkehr vom Nationalsozialismus, die man in den Briefen (zumindest beginnend) erahnen kann, oder er wurde nach Hause gesendet, nachdem das Lager aufgelöst wurde im November 1945 (5 Monate nach dem zweiten Brief).


Wie war das Lager Alva bevor es aufgelöst wurde?

Nach Bolding (2024) und Leonard (o.J.) waren 4.800 Gefangene dort inhaftiert. Hier seht ihr eine vereinfachte Darstellung des Camps:

Camp Layout. Bildquelle: Kyle Starkey/Suppression by Recreation


Laut Brief war Johannes B. ein Oberleutnant, so steht es unten bei der Adresse. Ein Oberleutnant war in der Wehrmacht ein Offizier, genauer gesagt der höchste Rang innerhalb der Gruppe der Leutnante (entsprach dem heutigen Hauptmann der Bundeswehr). Der Dienstgrad stand über dem Leutnant und unter dem Hauptmann, führte typischerweise eine Zugstärke von etwa 50 Mann und war ein wichtiges Führungsposition. Demnach war er in der linken Baracke untergebracht, der der Offiziere. Ein SS-Mann war er nicht, dann wäre er nicht Oberleutnant, sondern „Obersturmführer“ gewesen.

Ihr seht auf dem Bild sogar das „post office“ in dem unsere Briefe abgesendet wurden. Auch könnt ihr eine Bibliothek erkennen, ein Theater, ein Krankenhaus und ein „officers club“.

Luftbildaufnahme des Camps, Bildquelle: Lehr, o.J.

In der Stadt ALVA, nach der das Camp benannt wurde, gibt es verschiedene öffentliche Gemälde, die den Alltag der Menschen der Stadt in verschiedenen Epochen zeigen. Alva, Oklahoma, ist eine Kleinstadt mit etwa 5.000 Einwohnern im Nordwesten Oklahomas, nahe der Grenze zu Kansas. Laut der Seite der „Alva Mural Society“ verkörpert Alva das Kleinstadtleben von seiner schönsten Seite: gute Schulen, geringe Kriminalität, ein schöner Hochschulcampus und viele weitere Annehmlichkeiten. Die „Alva Mural Society“ gibt es seit 1997, die seitdem jährlich ein bis zwei Wandgemälde finanziert.

Eines dieser Gemälde, im Englischen „Murals“ genannt, zeigt euch das Camp. Hier seht ihr es:

Wandgemälde der Gefangenen des Alva Camps. Bildquelle: Cosmos Mariner (Sep. 2024)

Eine Nahaufnahme des Wandgemäldes – Foto von vor Jahren, wo es noch farblich besser erhalten war. Bildquelle: Alva Mural Society



Mir ist nicht bekannt, ob das Wandgemälde nach einem Foto gemalt oder ausgedacht wurde. Aber theoretisch könnte einer der Abgebildeten Johannes Brennecke sein.

Oder er ist hier auf dem Bild zu sehen:

ALVA Gefangene vor ihren Barracken – Bildquelle: Lehr, o.J.

Laut Bolding (2024) war es ein „Hardcore“ Camp, also hart oder streng, aus dem es daher auch immer wieder Fluchtversuche gab.

„Durch seine Lage mitten im Land war eine Flucht praktisch unmöglich. Im Lager Alva gab es während seines dreijährigen Betriebs mindestens 20 Fluchtversuche, die tatsächliche Zahl dürfte jedoch höher liegen.

In einem Fall wurde der deutsche Flüchtling Emil Minotti mit einem Maschinengewehr erschossen, nachdem er das Lagergelände verlassen und sich dem Rückkehrbefehl widersetzt hatte.“

– Bolding, 2024

Dieser Ausbruchsversuch war besonders, denn es gibt keinen anderen Bericht eines erschossenen Gefangenen. Was war passiert? Sie wurden erwischt und aufgefordert zurück zu kommen, aber hörten nicht. Auf die drei Flüchtenden wurde geschossen – einer starb (Emil M.), 2 kriechten zurück hinter den Zaun.  (vgl. Leonard, o.J.) Von den anderen Beiden ist der Name nicht bekannt. Wäre ja ein Ding, wenn einer davon Johannes B. war!! Alles ist möglich…

Trotz dieser Vorfälle und der damit verbundenen Frage danach, warum es wohl dort so unerträglich war, dass die inhaftierten Soldaten die Gefahr auf sich nahmen auszubrechen im quasi nichts, hielt sich die US-Armee in diesem Camp und auch in anderen an die Genfer Konvention von 1929. Das taten sie wohl in der Hoffnung, dass das Nazi-Regime amerikanische Kriegsgefangene ebenso behandeln würde.

So wurde – der Konvention entsprechend – von ehemals Inhaftierten von Musikabenden berichtet und dass sie sich sogar akademisch weiterbilden und die Bibliothek dafür und zur Unterhaltung frei nutzen konnten. Den Kriegsgefangenen wurde gestattet, ihre eigenen Uniformen und Abzeichen zu behalten und zu tragen. (vgl. Bolding, 2024) Es gab Theater, Sportplätze und Kaufläden. (vgl. Spiegel, 1984) Sie hatten also die unterschiedlichsten Annehmlichkeiten, bis hin zu Beerdigungen von hier verstorbenen Soldaten in Hakenkreuzfahne und mit Hitlergruß, wie es in Berichten erzählt wird.

Klingt also alles sehr human, eigentlich für meinen Geschmack schon zu akzeptierend, was die Hakenkreuze etc. angeht!


Was also davon ein „Hardcore“-Camp ausgemacht hat, ist mir noch nicht so klar geworden.

Eine Vermutung hab ich dazu, es könnten die Sicherheitsvorkehrungen gemeint sein. Aber auch das nur eine Spekulation.

Eventuell ging das Empfinden als „Hardcore“-Camp auch nicht von den Amerikaner*innen und ihren Sicherheitsbemühungen aus, sondern von den Inhaftierten selbst. Was soll das heissen? Wieso sollten sie es sich gegenseitig schwer gemacht haben?

„Unteroffiziere und normale Soldaten konnten mitunter freundlich sein, doch die deutschen Offiziere zeigten den Hass deutlich in ihren Augen und stellten eine Bedrohung dar.“

– Wagner, 2026 (eigene Übersetzung)

Mehrere Quellen berichteten, dass die Offiziere nicht lächelten, denn sie sahen das als „Zeitverschwendung“ an. (Bspw. Lehr, o.J., S. 5) Sie zeigten also Härte und Kühle, Distanziertheit und Bedrohlichkeit.

Diese Bedrohung betraf besonders die bewachenden Soldaten der amerikanischen Armee und anderes Lagerpersonal, wie medizinisches etc. Aber in Gefahr waren auch deutsche Soldaten:

„Nachts konnten die Wachtürme Hilferufe von Kriegsgefangenen hören, die sich von de[r politischen Linie] der Nazis entfernt hatten.“

– ebd.

Kritisch Denkende dem Nationalsozialismus gegenüber, „Abtrünnige“, wurden also gequält oder misshandelt, erfuhren Gewalt. Und die Aussage der Wachhabenden scheint mir obendrein recht passiv zu klingen – also als hätten sie nicht eingegriffen.

Es sollte aber sogar noch weiter gehen als das:

„Am 17. September 1945 wurde der Soldat Erich Schindler erhängt in einem Freizeitgebäude aufgefunden.

Wenige Monate später wurde auch der Gefangene Erwin Grams erhängt aufgefunden.

Beide Todesfälle wurden als Selbstmord eingestuft, doch es kursierten Gerüchte, dass sie für ihr Abweichen von der Parteilinie bestraft worden sein könnten.“

– Bolding, 2024

Gewalt gegen die eigenen „Kameraden“ also, als Strafen. Das zeigt wie überzeugt und unnachgiebig manche waren, eben glühende Anhänger des Nationalsozialismus. Das erklärt dann eben auch spätestens warum sie eben in solch einem speziellen „Nazi-Camp“ und nicht irgendeinem Lager für Gefangene waren.

So berichtete ein ehemaliger Gefangener auch von Hakenkreuzflaggen und Hitler-Reden, die manche Offiziere zum Abendbrot zitierten. Spannend auch, was die Amis alles zuließen, finde ich. Theoretisch steht in Quellen, wie der von Starkey (2015), dass sie Nazisymboliken und -praktiken etc. unterbinden wollten. Aber wieso dann Hakenkreuzfahnen und ein monströser geschnitzter Adler mit Hakenkreuz?? – Sachen, die bis heute im Museum von ALVA zu sehen sind wohl.

Nachgebautes Gefangenenzimmer im Cherokee Strip Museum mit Artefakten aus dem deutschen/nationalsozialistischen Kriegsgefangenenlager, das sich in den 1940er Jahren in Alva befand. Bildquelle: Cherokee Strip Museum

Die Inhaftierten (zumeist eher die Offiziere) verweigerten zum Teil Mitarbeit und Apelle, verweigerten Arbeit und demonstrieten auf verschiedenste Art und Weise ihre Abscheu gegen die Inhaftierung und Bewachung. Sie fühlten sich ungerecht inhaftiert und als wäre das Camp eine Art „Bestrafung“, gegen die sie aufbegehrten. Als Offiziere fanden sie sich als Teil einer legitimen Armee und als Respektpersonen durch ihren Rang, die mit Respekt behandelt werden sollen, mussten gar. Die bewachenden amerikanischen Soldaten wurden dementsprechend geradezu gemobbt und sogar körperlich angegriffen. (vgl. ebd.)

Hier in diesem Augenzeugenbericht könnt ihr nachlesen wie:

„Jede Nacht durchsuchten amerikanische Militärpolizisten die Baracken, um sicherzustellen, dass alle Kriegsgefangenen anwesend waren.

Wachen berichteten, dass rebellische Kriegsgefangene gerne Drähte quer durch die Gänge spannten, um die Wachen zu Fall zu bringen – oder sie gar zu erdrosseln.“

– Bolding, 2024

In mehreren Quellen stand auch, dass es Personal verboten war Schlipse zu tragen, damit sie nicht leicht durch die Nazis erdrosselt werden konnten. (u.a. Wagner, 2026)

An diesen Beispielen zeigt sich deutlich wie überzeugt und widerspenstig manche der überzeugten Nazis waren, sie gingen sogar bis hin zum Mord und (versuchtem) Mord. Dies führte schlussendlich zu einem der spannendsten Vorkommnisse der Gefangenencamps der USA. Denn hier – in diesem Camp über das wir reden – kam es zu dem „einzigen Gefecht zwischen amerikanischen und deutschen Streitkräften auf dem Kontinent“.

Was war genau passiert?

Es geschah als vier Kompanien deutscher Kriegsgefangener – insgesamt 1400 Mann – eine routinemäßige Durchsuchung verweigerten und sich weigerten, aus ihrem Lager zu marschieren. Mit Schlagstöcken und Tränengas wurden sie schließlich geräumt. (vgl. Bolding, 2024) Das war Januar, 1945, dieses sogenannte „Battle of Alva” – also vermutlich war der Verfasser des Briefes da schon im Lager. War er beteiligt?

“Gegen Ende des Lagerbetriebs wurde ein altes Bauernhaus als provisorisches Versteck genutzt. Von hier aus wurden abtrünnige Kriegsgefangene oft in andere Lager verlegt.“

(vgl. ebd.)

Der Wehrmachts-Soldat Johannes B. könnte am Ende dort gelandet und dann verlegt worden sein – sein Brief klang ja nicht sehr überzeugt. Und der Aufstand der Gefangenen war am Ende im Januar 1945 und der eine Brief im Februar desselben Jahres. Wenn er dort nicht mitgemacht hat, stand er vielleicht schon unter Beobachtung und konnte als nächstes umgebracht werden.

Es war ein heißes Pflaster, dieses Camp! Durchaus gefährlich für alle, die sich darin befanden…Angestellte und Inhaftierte.


ENDE Teil 1

Ein Tipp von mir: Den 2.Teil gern an einem anderen Tag lesen, falls es euch sonst zu lang wird. Daher hab ich es aufgeteilt.

Könnt ihr am Ende auch 2 mal kommentieren – einmal den ersten und dann den 2.Teil. 😀 Hehe…

Schreibt doch bitte mal Kommentare, würde mich sehr freuen. Muss ja auch nicht lang sein und die Email wird nicht veröffentlicht, bzw. es muss auch nicht eure Echte sein. Es ist einfach eine Standarteinstellung, dass Emails verlangt werden! Also gern was Kurzes hinterlassen!


Teil 2

Willkommen zum 2. Teil des Briefes aus der Kriegsgefangenschaft in den USA. 🙂

Der Verfasser schrieb den Brief nach Dessau, in Anhalt. Dessau-Roßlau ist weltweit bekannt für das Bauhaus, dessen Gebäude und Stätten zum UNESCO-Welterbe gehören, sowie für das Gartenreich Dessau-Wörlitz mit seiner Gartenkunst und die Nähe zum Biosphärenreservat Mittelelbe. Auch historische Verbindungen zur Reformation mit Martin Luther, bedeutende Persönlichkeiten wie Moses Mendelssohn und Kurt Weill sowie die regionale Mundart (sprachliche Besonderheiten) prägen das Stadtbild.  

Dessau wurde im Zweiten Weltkrieg durch schwere alliierte Luftangriffe stark zerstört, insbesondere durch einen verheerenden Angriff am 7. März 1945, der große Teile der Innenstadt und der Industrieanlagen vernichtete und über 600 Menschenleben forderte, was die Stadt in einem einzigen „Trümmerhaufen“ hinterließ. (vgl. Stadtarchiv Dessau-Roßlau, 2020)

Hier könnt ihr es genauer erfahren:

„Durch die Bomben und im anschließenden Feuersturm starben 668 Menschen. Etwa 80 % der Stadt wurden zerstört, Tausende von Wohnhäusern und baulichen Wahrzeichen der Stadt waren ganz oder teilweise zu Ruinen geworden.“

– Stadtarchiv Dessau-Roßlau, 2020

Dazu hier Bilder, dass ihr es euch besser vorstellen könnt:

Blick von der Einmündung der Rabestraße nach Süden in die Zerbster Straße, 1945 – Bildquelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

16. Januar 1945: Rettung von Hab und Gut im Bahnhofsviertel – Bildquelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Amalienstraße; im Hintergrund die Pauluskirche und die Friedhofstraße, 1945 – Bildquelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau

Blick durch die herabgerissene Fassade ins Innere eines Hauses, 28. Mai 1944 – Bildquelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau


Es ist bei solchen Bildern immer wieder faszinierend, wie doch aber das Leben immer weiter ging irgendwie, dass die Menschen immer einen Weg fanden dort weiter zu leben und sich durchzukämpfen. Aber so ist es ja heute auch in Kriegsgebieten in der Ukraine oder Palästina. Man könnte ja bewundern wie resilient und kämpferisch Menschen sind, aber es ist ja nicht so als hätten sie eine Wahl!

Hier seht ihr einen Wochenmarkt, der das „Weitermachen“ der Menschen trotz widriger Umstände gut zeigt:

In der nach dem Pfingstangriff 1944 verwüsteten Schlossstraße findet ein Wochenmarkt statt. – Bildquelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau


Das Bauhaus und andere wichtige Gebäude überlebten die Angriffe in Dessau jedenfalls, während der Wiederaufbau in der DDR die Stadt architektonisch stark prägte. (vgl. Stadtarchiv Dessau-Roßlau, 2020) Selbstverständlich ist das so, wenn 80% der Stadt zerstört waren, dass die nachfolgende Zeit mit Aufbau und Neustart zu tun hat! So musste eben tatsächlich viel Aufbau geleistet worden.

Bergung von unbeschädigten Dachziegeln auf einem Haus in Dessau-Nord, 28. September 1944 – Bildquelle: Stadtarchiv Dessau-Roßlau


Dieses Bild macht mich fertig!! Schaut doch wie das Kind da mit auf dem Dach sitzt!!! Was sie nicht alles auf sich nahmen oder auf sich nehmen mussten an Gefahren um wieder gut / besser leben zu können, zeigt dieses Bild denke ganz gut.

Auch die Adresse der Frau, Else, an die der Brief ging, wurde ja in beiden Briefen durchgestrichen. Eventuell stand auch dieses Haus nicht mehr und sie kam woanders unter. Dass der Kriegsgefangene Johannes davon nichts wusste, zeigt sich daran, dass er wiederholt die alte Adresse auf die Briefe schrieb. Vermutlich hat er es später noch erfahren, aber zu diesem Zeitpunkt war es ihm nicht bekannt.

Ich konnte kein Foto des Hauses der alten oder neuen Adresse finden. Also keine Fotos dieses Mal, keine Sicherheit, dass dort ein neues Gebäude steht und wir es daher sicher wissen können. Hab auch keine Berichte gefunden über die Bombardierung dieser speziellen Straße (Mariannenstr.13). Aber der Gedanke dass sie woanders unterkommen musste, ist sicherlich logisch. Falls jemand der Lesenden mal in Dessau ist oder in der Nähe wohnt, meldet euch gern hier unten in einem Kommentar. Eventuell bekommen wir ja noch ein Bild der beiden Adressen auf die Art.

Auf dieser Seite findet man einen Eintrag über Johannes Brennecke:

https://adressbuecher.genealogy.net/entry/ce153f22-3714-4c0d-b687-fe39d56e80f2

Hier ist er 1940 in der „Mariannenstraße 13“ gemeldet. Und was finden wir da noch? Seinen Beruf!!!

Gauschulungsleiter

Ein Gauschulungsleiter war ein hoher Funktionär in der Parteihierarchie der NSDAP während der Zeit des Nationalsozialismus. Er leitete das Gauschulungsamt, welches der jeweiligen Gauleitung (der regionalen Führungsebene unterhalb der Reichsleitung) unterstellt war. Seine Hauptaufgabe bestand in der ideologischen Indoktrination der Parteimitglieder und der Bevölkerung innerhalb seines Gaus (ein gewisses Gebiet). Jedem Gau stand ein Gauleiter vor. Und der Gauschulungsleiter unterstand diesem und hatte besondere Aufgaben zu erfüllen.

Zu den zentralen Zuständigkeiten gehörten:

  • Weltanschauliche Schulung: Organisation von Vorträgen und Kursen zur Vermittlung der NS-Ideologie.
  • Leitung von Gauführerschulen: Beaufsichtigung spezieller Bildungseinrichtungen, in denen Funktionäre und Nachwuchskräfte im Sinne des Regimes ausgebildet wurden.
  • Überwachung der Lehrinhalte: Sicherstellung, dass alle Bildungs- und Schulungsmaßnahmen den Richtlinien der Parteiführung in München entsprachen.
  • Multiplikator-Funktion: Er fungierte als Bindeglied zwischen dem Hauptschulungsamt auf Reichsebene und den nachgeordneten Kreisschulungsleitern. 

Der Gauschulungsleiter war somit ein wesentlicher Akteur bei der Verankerung des nationalsozialistischen Gedankenguts im regionalen Bereich.

Hendel & Werner, 2015 / John, J.; Möller, H. & Schaarschmidt, T. (Hrsg.), 2007

Das erklärt dann spätestens warum der Briefschreiber, der Wehrmachtssoldat, in dem „Nazi-Camp“ landete. Wenn jemand in solch einer Position nicht als überzeugter Nazi galt, wer dann?

Nicht bekannt ist wo er verhaftet wurde – im Camp waren zum Beispiel einige der Soldaten, die für den berühmten Rommel gekämpft hatten. War Johannes B. einer von denen? Wir wissen es nicht!


Andere Frage: Warum ist der Brief eigentlich teilweise geschwärzt?

Staaten versuchen seit Langem, die öffentliche Meinung zu kontrollieren und ausländische Staaten vom Zugang zu wichtigen Informationen abzuschneiden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts und während des Ersten Weltkriegs wurden diese Bestrebungen durch Zensur umgesetzt.

Solch eine Zensur ist besonders zu Kriegszeiten sehr wichtig, so dass nicht über die Post am Ende relevante Informationen nach außen dringen. Auch während des zweiten Weltkrieges war eine Zensur üblich. Manche Sammler*innen haben sich sogar speziell auf solche Briefe festgelegt.

Warum hier in dem Brief geschwärzt wurde, ist uns nicht klar. Leider haben sie so massiv Tinte eingesetzt dafür, dass alles Darunterliegende nachhaltig verschwunden ist.

Hat Johannes Brennecke etwas über den Campalltag geschrieben, was geheim bleiben sollte? Namen erwähnt? Hat er über die Ausbruchversuche oder über die Morde geschrieben? Es wird im Dunklen bleiben, im wahrsten Sinne des Wortes.


Ansonsten ist der Brief ja eher von privaten „Belanglosigkeiten“ (Frühling bricht aus) und Liebesbekundungen geprägt, ohne dies abwerten zu wollen. Das sind zum Einen die Sachen, die auch in solchen Briefen erlaubt waren zu schreiben und zum Anderen, was die Menschen eben bewegte. Sie träumten von besseren Zeiten und wünschten sich eine friedliche Zukunft; sie fragten was es „von Zuhause“ zu berichten gibt und nach Verwandten und Freund*innen und deren Befinden.

Es wäre so interessant zu wissen, wie er nun wirklich zum Nationalsozialismus gestanden hat und was nach den Briefen passiert ist. Aber das wissen wir leider nicht.

Tatsächlich hab ich noch eine Postkarte im Internet ersteigern können von der selben Person. Ich erwarte keine großen Infos, da auf eine Karte eben nicht viel passt. Aber doch haben wir dann zumindest noch ein weiteres Datum davor oder nach den anderen Briefen. Mal sehen. Auch habe ich einen weiteren Brief eines anderen Inhaftierten des gleichen Camps Alva gekauft, der noch nicht bei mir ankam. Auch der verspricht neue Infos. Bis hier her wissen wir aber nicht mehr. Melde mich nochmal demnächst mit neuen Infos. 🙂

Auch wenn nicht alles beantwortet werden konnte, doch waren ja historisch schon mal sehr spannende Informationen dabei heute, denk ich. Ich hoff es hat euch gefallen/entertaint. Hinterlasst ein Kommentar oder gebt mir einen Kaffee aus, wenn ihr mögt, was ich hier mache. 😊

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EURE BEWAHRERIN

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QUELLEN:

Alva Mural Society (o.J.): Homepage. Abgerufen unter: www.alvamurals.org

Bolding, G. (2024): Camp Alva: America’s Hardcore POW Camp For Nazis. The MacDaddy of all US Nazi POW internment centers.

Hendel, J. & Werner, O. (2015): Regionale Mittelinstanzen im Nationalsozialismus. Materialien zur Erforschung der „NS-Gaue“ als Mobilisierungsstrukturen. Leander Wissenschaft, Jena.

John, J.; Möller, H. & Schaarschmidt, T. (Hrsg.) (2007): Die NS-Gaue. Regionale Mittelinstanzen im zentralisierten „Führerstaat“? Oldenbourg, München.

Lehr, M. (o.J.): “Alva POW Camp.” Unpublished Article, Northwestern Oklahoma State University.

Leonard, C. B. (o.J.): Memories Dimming of Camp At Alva For German POWs. Abgerufen unter: https://eu.oklahoman.com/story/news/1984/08/27/memories-dimming-of-camp-at-alva-for-german-pows/62792400007/

Stadtarchiv Dessau-Roßlau (2020): Dessau in Trümmern. Abgerufen unter: www.alb-dessau.de/old/ausstellung/truemmer2020_001/

Spiegel (Autor*in unbekannt) (1984): Fritz Ritz. Abgerufen unter: https://www.spiegel.de/politik/fritz-ritz-a-d7826811-0002-0001-0000-000013510057

Starkey, K T. (2015): Camp Alva: Suppression by Recreation. Masterarbeit. YOUNGSTOWN STATE UNIVERSITY.

Thompson, A. (2010): Men in German Uniform: POWs in America during World War II. Univ. of Tennessee Press.

Wagner, L. (2026/1999): POW Camp In Alva, Woods, Oklahoma. Abgerufen unter: https://okielegacy.net/journal/tabloid/?ID=7532&vol=17&iss=3

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